Kann man jetzt echt noch in die USA reisen?

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Kann man jetzt echt noch in die USA reisen?

Ich glaube, keine Frage habe ich öfter gestellt bekommen, als genau diese. Und eigentlich hat die Frage zwei Ebenen. Zum einen die rein faktische: „Ist es noch möglich, sicher einzureisen?“ Und die … sagen wir mal moralische Ebene: „Wie kann man denn jetzt in die USA fliegen, bei allem was der Präsident gerade abzieht?“

Entertainment-System von Jet Blue

Und natürlich habe ich mir da auch viele Gedanken zu gemacht. 

Die erste Bedeutung der Frage ist schnell beantwortet: Ja, man kann nach wie vor problemlos und auch sicher in die USA einreisen. Entgegen der vielen Geschichten, die so erzählt werden und die in den Medien weitergegeben werden, war es schon immer und ist auch weiterhin ziemlich easy, einzureisen. Das hat sich unter Trump nicht geändert. Die Einschränkung folgt natürlich auf den Fuß: Das gilt für Menschen in meiner Bubble, also Menschen aus der EU, die einfach nur als Touris für ein paar Tage oder Wochen in den USA Sightseeing machen wollen. Vor genau zehn Jahren bin ich das erste Mal in die USA eingereist und seitdem hat der Vorgang der Einreise nie länger als zwei, drei Minuten gedauert (das teilweise stundenlange Warten in der Schlange vor den Schaltern nicht mit eingerechnet). „Was ist der Grund ihrer Einreise?“ „Wie lange werden Sie bleiben?“ „Wo werden Sie übernachten?“…

Mehr als diese Fragen muss man meistens nicht beantworten und schon ist man drin. Das war auch die letzten drei Male so, die ich bis jetzt während Trumps zweiter Amtszeit eingereist bin. Ich zumindest hatte nicht das Gefühl, dass die Grenzbeamten den Touristen gegenüber jetzt auf einmal skeptischer geworden sind. Und bisher sind auch noch keine Änderungen bei den Angaben vorgenommen worden, die man für die Einreise machen muss.
Ganz ehrlich, da hat die Einreise in Neuseeland und Australien deutlich länger gedauert. In Australien wurde ich 40 Minuten von der Grenzbeamtin befragt, weil sie es höchst verdächtig fand, dass jemand, der zum allerersten Mal nach Australien kommt, nicht in einer der großen Metropolen landet, sondern auf dem kleinen, beschaulichen Tasmanien, oder „Tassie“, wie sie es nannte.

Einreise-Stempel am Flughafen JFK

Die zweite Ebene der Frage ist schon etwas komplizierter zu beantworten. Aber meistens, wenn die Zeit eher knapp ist, fasse ich die Antwort zusammen: „Ich reise wegen der Landschaft durch die USA, nicht wegen der Leute. Der Grand Canyon hat sich nicht ausgesucht, wer um ihn rum wohnt.“
Das wäre so in etwa das TLDR auf die Frage, ob man denn jetzt gerade in die USA reisen kann. Aber natürlich muss man sich ein bisschen mehr Zeit nehmen um die Frage wirklich angemessen zu beantworten.
Und dafür ist eben wichtig zu wissen, warum ich überhaupt so gerne in die USA fliege. Und da fängt es schon: Mir geht es nicht um die USA als Staat, sondern um Nordamerika. Inklusive Kanada. Wenn ich meine Roadtrips plane, dann entwerfe ich eine Reise unabhängig von der Grenze zwischen diesen beiden Ländern. Meistens (wie auch bei meiner 50+13-Reise jetzt) bin ich sogar mehr in Kanada unterwegs als in den USA.

Grenzübergang Alaska / Yukon
Grenzübergang Alaska / Yukon

„Warum dann also nicht nur Kanada?“ bekomme ich öfter als Gegenfrage. Und damit kommen wir zum Kern. Ich könnte es mir leicht machen und das rein organisatorisch beantworten. Denn es hat wirklich handfeste und monetäre Gründe, seinen Roadtrip in den USA zu starten: Die Flüge dorthin und die Mietwagen sind einfach um etliches günstiger, als in Kanada. Kleines Rechenbeispiel: Mein Hin-und Rückflug nach Seattle hat beim letzten Mal, als ich an die Westküste geflogen bin, 450 Euro gekostet. Nach Vancouver, das nur etwa 200 km weiter nördlich in Kanada liegt, hätte der gleiche Flug bei 700 Euro gelegen. Der Mietwagen, den ich in Seattle gemietet habe, kostete mich für 2,5 Wochen dort 1200 Euro, ohne Selbstbeteiligung, inklusive aller Kilometer und erster Tankfüllung. Von Vancouver aus hätte der gleiche Wagen, ein großer SUV, in dem ich hinten drin schlafen konnte, 2100 Euro gekostet, zzgl. Selbstbeteiligung. 

Der Jeep Wagoneer als mobiles Zuhause
Schlaf-, Ankleide- und Wohnzimmer in einem

Aber so wichtig dieser Grund auch ist, es ist nicht der eigentliche. Denn es gibt genug Städte wie Seattle, die sehr nahe an der kanadischen Grenze liegen, wo man also landen und von dort direkt mit dem billigen Mietwagen nach Kanada durchstarten könnte. Die wirklich echte und aufrichtige Antwort ist: Beide Länder sind einfach für mich die perfekten Roadtrip-Länder. Und obwohl sie auf dem gleichen Kontinent liegen, sind sie dann doch wiederum so verschieden, dass eine Rundreise durch Teile beider Länder immer wieder ein absolutes Erlebnis darstellt. Diese weite und unfassbar schöne Landschaft gepaart mit der Infrastruktur eines Industrielandes, sind einfach so (außer vielleicht in Australien, das gilt es für mich später in meinem Leben noch herauszufinden) ansonsten nirgends auf der Welt zu finden. Denn entgegen der Meinung vieler meiner Freunde und Verwandten, bin ich schon ein ziemlich bequemer Roadtripper, lasst euch da nicht von den ganzen unfreiwilligen Abenteuern täuschen, die mir widerfahren. Natürlich gibt es Regionen in der Welt, die noch verlassener, noch urtümlicher, noch monumentaler sind als Nordamerika. Allerdings gepaart mit einer Infrastruktur, die es einigermaßen leicht macht, in die Weite vorzudringen, ist das dort schon ziemlich einzigartig. 

Abenddämmerung im Yukon

Ich habe vor drei Monaten ein Pärchen in Laos kennengelernt, das jetzt gerade mit seinem Lada Niva von Freiburg nach Zentralasien unterwegs ist. Zuletzt haben sich die beiden aus Kasachstan bei mir gemeldet. Ich bewundere das zutiefst und bin auch ein gutes Stück neidisch auf solch eine Erfahrung. Kasachstan steht auch schon ganz oben auf meiner Liste, gefolgt von Patagonien und Namibia. Aber es ist eben doch viel mehr Abenteuer und demnach auch eine Reise mit mehr Konzentration auf das, was gerade auf dem Weg, am Fahrzeug und auch im eigenen Körper abgeht. Dem gegenüber steht eine Reise, bei der man in einem Land, in dem man sich fließend verständigen kann, in einen fabrikneuen Wagen steigt und einfach auf den geteerten und gut geschotterten Landstraßen des Kontinents die Gedanken schweifen lassen kann bei lauter Musik und Blick in die Landschaft.

Alaska-Highway im Yukon

Das gibt es – für mich zumindest – so nur in Nordamerika und das ist mir eben die allerliebste Art zu reisen. Und bevor es dann in die wirklich unglaublichen Weiten von Kanada geht, wo die nächste "Tankstelle" auch gerne mal 350 Kilometer entfernt ist, tut es wirklich gut, sich an diese Dimensionen erst mal ranzutasten. Denn so sehr die USA auch mit Weite auftrumpfen können, an den Norden von Kanada kommen sie nicht ran. Insofern ist es eher eine Art von nach und nach immer weiter weg und einsamer zu reisen. Ist man in Utah und Arizona vielleicht 50 Kilometer von der nächsten Behausung unterwegs und begegnet zwei, drei Stunden lang keinem anderen Fahrzeug, war ich im Yukon auch gerne mal zwei komplette Tage auf einem Schotter-Highway der einzige Reisende. In den USA einen Roadtrip zu beginnen, ist also eine Art Herantasten.

Hinweisschild auf dem Robert Campbell Highway im Yukon
"Tankstelle" im Yukon



Mir ist klar, dass damit die eigentliche moralische Komponente null behandelt wurde. Zu sagen „Ich weiß, dass der amerikanische Präsident gerade an allen Ecken und Enden die Welt anzündet, aber ich möchte trotzdem mein Roadtrip-Erlebnis nicht missen“, ist sicher nicht die moralisch korrekte Antwort, aber die ehrliche, und deswegen drücke ich mich auch nicht vor ihr. Natürlich habe ich vor mir selbst zu rechtfertigen versucht, dass ich auch Länder wie Laos, Marokko oder China bereist habe, die vom politischen System her (vor allem beim Thema Frauenrechte) sogar noch fragwürdiger sind als die USA (noch), aber das ist WhatAboutism und ändert nichts daran, dass der einzige aktive Protest, den man als Europäer gerade gegen die USA vorbringen könnte, das Nichthinreisen wäre. 

Zum Schluss gibt es aber noch eine Geschichte, die ich in diesem Zusammenhang erzählen möchte, weil sie für mich ein nicht unwesentlicher Teil der Antwort ist.

Als ich mit meinem jüngsten Bruder letztes Jahr im Juni in den USA war, war das gerade die Zeit, als in Los Angeles die Proteste gegen die Regierung von Präsident Trump ausuferten. Und als wir am Bryce Canyon zu einem Aussichtspunkt wanderten, trafen wir ein älteres Pärchen aus Florida, das uns neugierig ausfragte, wo wir her seien, wo wir hinwollten und was wir schon so gesehen hatten. Sie wiederum erzählten uns, dass sie gerade mit ihrem Camper nach Alaska unterwegs seien. Entgegen ihres ursprünglichen Plans, über Portland und Seattle nach Kanada zu fahren, hätten sie sich jetzt aber einen kleinen unbekannten Grenzübergang rausgesucht, weil es in den Städten, gerade in Denver und Seattle ja auch zu Aufständen und Ausgangssperren gekommen sei. Nirgendwo in den Städten sei man noch sicher. Wir hatten davon noch nichts gehört, tatsächlich waren wir sogar zwei Tage vorher auch durch Denver gefahren und konnten uns keinen Reim drauf machen.

Sonnenaufgang über dem Bryce Canyon

Ein paar hundert Meter weiter dann am Aussichtspunkt selbst trafen wir wieder ein älteres Pärchen. Und dieses kam direkt aus Seattle. Auf meine Bemerkung hin, sie hätten ja Glück, gerade nicht dort zu sein, schauten sie uns nur fragend an. Als wir ihnen dann erzählten, was wir von dem anderen Pärchen erfahren hatten, meinten sie nur: „Es kommt halt drauf an, welche Medien man konsumiert.“ Es stellte sich heraus, dass die Aufstände in Los Angeles schon abgeklungen waren und darüber hinaus nicht eine einzige Stadt irgendeine Art gewaltsamen Protests erlebt hatte. Das erste Pärchen war unserem Eindruck nach nicht besonders einfältig oder gar rechtsgerichtet rübergekommen, im Gegenteil, sie waren aufrichtig besorgt und hatten sich jetzt in ihrer schönen Reise beschränkt. Und das nur, weil sie sich darauf verließen, von den Medien, sie sie konsumierten, richtig und wahrheitsgetreu informiert zu werden,

Nein, es gibt keine Moral der Geschichte. Ich fliege nicht in die USA, um wie ein Journalist die Seele der Amerikaner zu verstehen und zu dokumentieren. Aber diese Erlebnisse, diese Begegnungen, diese Gespräche sind genau die Elemente, die aus einem solchen Roadtrip mehr als reines Rumfahren machen. 

Und genau über diese Erlebnisse und Begegnungen möchte ich hier in den nächsten Wochen erzählen.