Einer, der im Death Valley zurückblieb
An einem der trostlosesten Orte, die man sich überhaupt nur vorstellen kann, sitze ich unter einem mickrigen Bäumchen auf einer strahlend blauen Parkbank und grinse etwas dämlich in die Kamera meines Handys, das ein paar Meter entfernt an einem Stativ klebt. Der Ort ist so skurril und unwirklich, dass ich dachte, mit mir im Bild würde die ganze Absurdität noch deutlicher. Allerdings brennt mir die Sonne bei amtlichen 42 Grad dermaßen unbarmherzig auf die Schädeldecke, dass ich schon nach zwei Bildern zum Schluss komme: Das Ganze iszt eine verdammt dumme Idee. Die Hitze selbst ist gar nicht so ungewöhnlich, immerhin befinde ich mich am Rande des Death Valley Nationalparks.
Ich bin nicht zum ersten sondern sogar schon zum vierten Mal hier. Dass ich den Ort überhaupt entdeckt habe, war reiner Zufall. Auf dem ersten längeren Roadtrip mit meinem jüngsten Bruder Max kommen wir hier auf unserem Weg ins Death Valley vorbei. Wir hatten einen Tag vorher in der Sierra Nevada das Yosemite-Tal und die Sequoia-Mammuts (ja, die roten) bestaunt und in einem unscheinbaren Ort namens Ridgecrest irgendwo zwischen den Bergen und der Wüste übernachtet. Direkt neben einem Betonwerk. Das hatte keinen anderen Grund als einen rein logistischen: Der Ort liegt auf halber Strecke zwischen Los Angeles und Las Vegas, wohin wir unterwegs sind. Außerdem liegt Ridgecrest genau auf dem Weg ins Death Valley. Dahin wollen wir gerade, als wir kurz vor dem Erreichen des Nationalparks in diese Ortschaft kommen, die an Trostlosigkeit kaum zu überbieten ist: Trona.
Im Grunde besteht diese Ansammlung von Häusern nur wegen des riesigen Industriekomplexes, der etwas erhöht über dem Ort thront. Ich habe nie herausbekommen, was genau dort hergestellt, abgebaut oder umgewandelt wird, aber es scheint wichtig zu sein. Denn es führen Gleise auf das Industriegelände, und ein unter Strom stehender Zaun spricht auch eine deutliche Sprache. Dass Trona mitten in der Wüste, von allen Seiten in der Ferne nur von Bergen umrahmt, nicht der heimeligste aller Orte ist, muss irgendwann auch den Bewohnern klar geworden sein. Vielleicht gab es eine Ortsversammlung auf der Veranda des Bürgermeisters, denn irgendwie musste ja die Idee geboren worden sein, dass man die Tristesse mit ein paar Bäumchen entlang der Durchgangsstraße auflockern könnte.
„Au ja!“, ruft jemand aus der Gruppe, „und unter den Bäumen stellen wir richtig schöne Bänke auf, damit man etwas in der freien Natur verweilen kann.“ Auch dieser Vorschlag findet breite Zustimmung; man ist jetzt ganz aus dem trostlosen Häuschen.
Der Bürgermeister gibt zu bedenken: „Wie kommt man denn zu den Bäumen und Bänken hin? Es gibt ja keinen Bürgersteig.“
„No problem!“, meldet sich eine weitere Person. „Mein Schwager arbeitet im Betonwerk in Ridgecrest. Die haben immer mal eine Wagenladung Beton über, dann kommt er her und schüttet uns damit einen Fußweg.“
Gesagt, getan.
Als Max und ich hier langkommen, können wir unseren Augen nicht trauen. Im ganzen Ort ist keine Menschenseele zu sehen, wer traut sich bei solchen Höllentemperaturen auch vor die Tür, aber entlang des schön betonierten Gehwegs stehen alle 50 Meter mickrige Bäumchen mit blauen Bänken darunter. Für dieses Fotomotiv halten wir doch mal kurz den Camaro an und machen kopfschüttelnd ein paar Fotos. Dann setzen wir die Reise fort und können kaum glauben, was sich hinter der nächsten Kuppe vor uns auftut. Ein unfassbar weites Tal, bei dem man ganz in der Ferne am Horizont die Berge des Death Valley erkennen kann. Die Straße schlängelt sich in dieses Tal hinunter und verliert sich dann schnurgerade am besagten Horizont. Da freuen wir uns gleich noch mehr über unser Cabrio mit offenem Verdeck. Noch ist es ja früher Morgen, und im eigentlichen Death Valley sind wir auch noch nicht. Wir haben das gesamte Tal für uns; nicht ein Auto kommt uns entgegen. Erst als wir auf die Straße in den Nationalpark abbiegen, kommt uns immer wieder mal ein Camper oder ein Mustang entgegen, der durch den klar erkennbaren Barcode in der Windschutzscheibe wie unser Camaro als Mietwagen identifizierbar ist. Und schon wieder müssen wir den Kopf schütteln: Fahren die doch alle mit geschlossenem Cabrio-Dach! Wer gibt denn extra Geld für ein Cabrio bei der Mietwagenfirma aus, nur um dann mit verschlossenem Verdeck durch die Sonne Kaliforniens zu fahren?
Hinter Trona aber vor dem Death Valley
Nach einer Stunde oder so kommen wir an einer Art Mini-Resort direkt mit Blick auf das echte Death Valley an. Eine gute Gelegenheit, den Camaro mit Benzin und uns mit Energydrinks zu betanken. Ich tanke, Max kauft ein. Kopfschüttelnd kommt er aus dem Mini-Mart und berichtet mir von dem kurzen Gespräch, das er mit dem Mann am Tresen geführt hat. Der hatte mit Blick auf den Camaro gefragt, ob das unserer sei. Max bejahte und bekam als Antwort nur ein knappes „Ganz schön tapfer.“ Was auch immer. Wir steigen ein und beginnen unsere Einfahrt ins Death Valley. Die Uhr zeigt High Noon und das Thermometer 42 Grad an.
Nach nicht mal fünf Minuten habe ich das Gefühl, jemand fackelt mir mit einem Brennglas jedes Haar einzeln vom Kopf ab. Ich wäre auch nicht verwundert, wenn man jetzt auf meinem Haupt ein Spiegelei braten könnte. Auf einmal ergeben die ganzen geschlossenen Verdecke und die Bemerkung an der Tankstelle einen einleuchtenden Sinn. Das Problem ist nur: Auf keinen Fall kann ich vor Max irgendwelche Schwäche zeigen. Ich werfe ihm einen verstohlenen Seitenblick zu und sehe, dass sein ganzes Gesicht puterrot ist und ihm der Schweiß in kleinen Bächen in den Nacken rinnt. „Äh, Max …“
„Verdammte Scheiße“, ächzt er, als hätte er nur auf meine Initialzündung gewartet. „Wir müssen uns doch hier nichts beweisen. Mach das verdammte Dach zu!“ Leider geht das im Gegensatz zu deutschen Modellen nicht während der Fahrt. Und so stehen wir im Death Valley am Straßenrand und haben das Gefühl, dass der Schließvorgang eine ganze Stunde dauert. Dass uns dabei einige Cabrios mit säuberlich verschlossenen Verdecken entgegenkommen, macht unsere Schmach auch nicht kleiner.

Als ich drei Jahre später wieder durch Trona komme, geschieht das eher unfreiwillig. Ich bin auf meinem nächsten sehr langen Roadtrip durch die USA und Kanada eigentlich schon auf der Einflugschneise zu meinem Ziel der Rundreise unterwegs: Las Vegas. Dort hatte ich fünf Wochen zuvor den Roadtrip in Richtung Osten gestartet und bin jetzt, einen Tag vor der Abreise, auf der letzten Etappe etwas von Mutter Natur ausgebremst worden. Ich hatte in der letzten Nacht im Yosemite Nationalpark übernachtet und die Sierra Nevada auf dem Tioga-Pass überquert. Von dort geht es etwas weiter südlich direkt ins Death Valley und von dort weiter nach Las Vegas. Nur dass die direkte Straße ins Death Valley wegen Überflutungen und Unterspülungen gesperrt ist und ich deswegen ganz weit in den Süden muss, um dort dann wieder Richtung Osten fahren zu können.
Und als ich so auf dem Highway dahinflitze, sehe ich aus dem Augenwinkel auf einem Ausfahrtsschild zwei Namen stehen, die mir bekannt vorkommen: Ridgecrest und Trona.
Spontan nehme ich die Ausfahrt und schlage die Richtung nach Ridgecrest ein. Eigentlich geht es mir mehr um die Bäume mit ihren Freunden, den blauen Bänken, in Trona, denn die haben einen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen. Nicht, dass ich gedacht hätte, dort je wieder vorbeizukommen, aber jetzt, wo sich die Gelegenheit bietet, muss man sie auch beim Schopf ergreifen. Und das Beste: Von Trona führt ja diese legendäre Nebenstraße ins Death Valley, und ein kurzer Blick auf Google Maps zeigt mir, dass diese Straße von der Sperrung nicht betroffen ist.
Eine Stunde später erreiche ich die Bäume und Bänke von Trona. Drei Jahre ist es her, dass wir dieses skurrile Arrangement entdeckt hatten, und tatsächlich, die Bäume sind ein wenig gewachsen. Wie ein paar Jahre zuvor mache ich ein paar Fotos und fahre direkt weiter. Bis nach Las Vegas sind es noch 350 Kilometer, und ich freue mich schon richtig auf mein Hotelzimmer, nachdem ich die letzten sechs Nächte im Auto geschlafen habe.
Da ist die Welt noch in Ordnung: Trona zum Zweiten
Es ist einfach herrlich. Die Straße ist genau so grandios, wie ich sie in Erinnerung habe, und ich sause so dahin, laute Musik im Ohr, den Wind von den heruntergelassenen Fenstern im Haar … und werde ein weiteres Mal an diesem Tag ausgebremst. An einer Kreuzung, die man kaum als solche bezeichnen könnte, steht ein riesiges Sperrschild. Und zwar genau dort, wo ich eigentlich lang müsste, um ins Death Valley zu kommen. Am Sperrschild prangt ein riesiger neonfarbener Pfeil, auf dem „Detour“ steht. Und er zeigt auf eine kleine Straße, die mir beim näheren Hinschauen eher wie eine Piste vorkommt. Ich überlege kurz, denn Google Maps vertraue ich jetzt nicht mehr, und selbst wenn ich es täte, habe ich hier draußen keinen Empfang. Nach Ridgecrest und von dort zur Interstate, die nach Las Vegas führt, sind es locker 90 Minuten. Und von dort dann noch einmal 400 Kilometer bis zum Ziel. Und vor mir liegt eine Strecke, die zwar etwas abenteuerlich aussieht, aber lange nicht so fragwürdig wie einige der „Straßen“, auf die ich mich im Norden von Kanada gewagt habe. Also, Musik wieder auf laut und weiter gehts.
Und zwar genau zehn Minuten lang. Dann kreischt der Alarm meines Bordcomputers auf und vermeldet einen akuten Druckabfall in meinem rechten hinteren Reifen. Der Druck fällt wirklich so schnell ab, dass kein Zweifel möglich ist: Da ist ein veritables Loch drin. Ein Blick in die Umgebung zeigt mir: Das ist nun wirklich nicht der richtige Ort für einen Reifenwechsel. Obwohl das Thermometer noch stolze 39° anzeigt, ist die Sonne schon hinter den Bergen verschwunden und es ist bereits ziemlich duster. Und es ist auch müßig, sich über einen Reifenwechsel Gedanken zu machen, denn ich habe ja eh keinen Reifen mehr, den ich als Ersatz einsetzen könnte. Denn auf Vancouver Island habe ich mir auf einer der Forstwirtschaftsstraßen eine Schraube in die Seitenwand meines linken Hinterreifens gefahren, sodass dieser nicht geflickt werden konnte. Also wurde das Ersatzrad aufgezogen, und das bringt mich jetzt in die missliche Lage, dass ich nichts wechseln kann, selbst wenn ich wollte.
Ich merke, wie Panik in mir aufsteigt, aber bevor ich ihr gänzlich nachgebe, sagt eine Stimme in mir: „Aber der Druck fällt ja nur ein PSI pro Minute, das heißt, du kannst noch locker zwanzig Minuten weiterfahren. Dann sehen wir weiter!“ Und diese zwanzig Minuten nutze ich. Dass ich dadurch den Reifen erhitze und ihn nur noch schneller zerstöre, das sagt mir meine innere Stimme nicht. Das übernimmt der Reifen dann selbst, indem er sich nach fünf weiteren Kilometern mit einem lauten Knall von der Felge verabschiedet.
Und da stehe ich jetzt also. Immerhin nicht mehr in diesem engen Canyon, in dem das ganze Malheur seinen Lauf nahm, aber darüber hinaus gibt es nicht viel Tröstendes an meiner Situation. Ich sitze mit einer Mischung aus Taubheit und Hysterie hinter dem Steuer meines geliebten Jeep Wagoneer und kann die Ironie der Situation kaum fassen.
Über 30.000 Kilometer hat mir dieses Fahrzeug die Treue gehalten, wir haben zusammen die Südstaaten, den hohen Norden Kanadas und sogar Alaska bereist. Bis auf die Schraube von Vancouver Island gab es keinerlei Vorkommnisse – und jetzt stranden wir 300 Kilometer vor meinem Ziel in der Wüste? So wie die Dinge stehen, könnte die Stadt aber genauso gut auch einen Kontinent weit entfernt sein. Denn Empfang hat mein Handy hier am Rande des Death Valley natürlich nicht. Da kommt mir ein Gedanke. Der Reifen, den auf Vancouver Island die Schraube malträtiert hat, ist jetzt zwar vermutlich gänzlich platt, allerdings hatte er seinerzeit nur sehr langsam Luft verloren. Wenn es mir gelingt, ihn wieder aufzuziehen und mit meinem kleinen Notkompressor aufzupumpen, sollte ich rein theoretisch eine gute Strecke weit kommen, und dann müsste ich ihn halt wieder aufpumpen.

Also mache ich mich ans Werk und habe das Rad gerade unter dem Kofferraum heruntergekurbelt, als vor mir auf der Straße Scheinwerfer erscheinen. Mittlerweile ist es so gut wie stockduster und ich fuchtle mit meiner Handytaschenlampe wild am Straßenrand herum. Das Auto kommt zum Stehen, die Scheibe fährt herunter und eine junge Frau fragt mich, ob ich Hilfe brauche. Ich traue meinen Ohren kaum, denn ihr Englisch hat nicht nur einen unverkennbar deutschen Akzent, sondern dazu auch noch eine schwäbische Färbung. „Kommt ihr aus Deutschland?“, frage ich ungläubig. Sie lacht und schaut die anderen Personen im Auto an: „Hört man das so doll?“ Sie fährt das Auto an den Rand und einige Sekunden später stehen zwei schwäbische Pärchen um mich herum. Ich erkläre ihnen kurz die Situation und zeige ihnen meinen Reifen, von dem nur noch ein paar traurige Gummifetzen auf der Felge geblieben sind.
Die vier Deutschen zeigen sich angemessen beeindruckt von der Misere, in der ich stecke. Einer der beiden Männer packt bei dem Rad unter dem Kofferraum mit an, und nach zehn Minuten haben wir es tatsächlich geschafft, den zwar platten, aber immerhin nicht zerfetzten Reifen zu montieren. Jetzt kommt mein Minikompressor zum Einsatz. Der gibt sich redlich Mühe, und tatsächlich, der Reifen füllt sich etwas mit Luft. Der Bordcomputer vermeldet gerade 15 PSI, was immerhin stolze zwanzig Minuten in Anspruch nimmt, als der Kompressor schuldbewusst leise knackt und dann den Geist aufgibt.
Meine neuen Freunde sind netterweise noch geblieben; sie wollen auf einen nahegelegenen Campingplatz und haben es nicht eilig. Ich bespreche mich kurz mit meinem Helfer, und wir sind uns einig: Der Wagen muss jetzt runter vom Wagenheber, und dann kann man nur hoffen, dass die Luft bis zum nächsten Mobilfunkmasten hält. Ich kurble also den Wagenheber runter, und das Hinterteil des Autos senkt sich mit seinem gesamten Gewicht auf die Hinterräder. Kurz habe ich die Hoffnung, dass der Plan wirklich aufgehen könnte. Doch sie wird sogleich mit einem ohrenbetäubenden „Plopp“ zunichte gemacht. Unter der Last des Autos springt der Reifen von der Felge und baumelt nur noch schlaff auf selbiger. Betreten schauen wir fünf auf die schale Frucht unserer Mühen und beraten dann, wie es weitergehen könnte. Ich lasse den Wagen jetzt ganz vom Wagenheber runter, und wir beschließen, dass die vier mich zu der 30 Kilometer entfernten Tankstelle fahren, an der sie vor einer Stunde oder so erst aufgetankt hatten. Dort habe ich auf jeden Fall mehr Chancen auf Hilfe als hier. Also quetsche ich mich zwischen die beiden anderen Männer auf die Rückbank und lasse schweren Herzens meinen geliebten Jeep alleine zurück. Nur den Rucksack, bepackt mit den notwendigsten Habseligkeiten, nehme ich mit.
Nach einer halben Stunde kommen wir an besagter Tankstelle an, und ich traue meinen Augen kaum. Das ist ja gar keine reine Tankstelle, das ist doch das seltsame Resort, an dem Max und ich schon beim letzten Mal Halt gemacht hatten. Und noch mehr staune ich, als ich auf meinem Handy die Buchstaben „GPRS“ stehen sehe, dort, wo der Empfang angezeigt wird. Das letzte Mal, als ich dieses Kürzel gesehen habe, hatte ich noch ein Klapphandy von Samsung. Ich glaube, diese Empfangstechnik hat die Datenrate eines Tonkopplers, aber zum Telefonieren wird es wohl reichen. Ich verabschiede mich von meinen Retterinnen und Rettern, und drei von ihnen steigen wieder ins Auto.
Die Fahrerin bleibt allerdings vor mir stehen und schaut mich etwas verlegen an. „Äh, wir mussten ja jetzt eine ganz schöne Extrastrecke für dich fahren, und äh, meinst du, du könntest uns etwas für das Benzin geben?“
Na ja, dass die Schwäbinnen und Schwaben ihre Groschen zusammenhalten, ist ja bekannt, also antworte ich: „Ich hab nur leider gar kein Bargeld dabei, kann ich dir vielleicht etwas überweisen?“
Sie scheint erleichtert zu sein und meint: „Ach so, nee, das geht doch viel einfacher. Wir hatten hier ja vorhin vollgetankt. Ich tanke einfach wieder voll und du zahlst es mit deiner Kreditkarte.“
Das klingt fair, und so wird meine Kreditkarte ein paar Minuten später an der Zapfsäule mit etwas mehr als drei Dollar belastet, denn nach nicht mal einer Gallone ist der Tank schon wieder voll. Jetzt verabschiedet sich auch die Fahrerin, und ich sehe den Rücklichtern hinterher.
Ich komme mir vor wie im Film, denn die Tankstelle und der Minimart mitten in der Wüste, der allerdings schon geschlossen hat, könnten wirklich als perfekte Kulisse eines Roadmovies dienen. Aber ich habe keine Zeit zu verlieren. In etwas mehr als zwölf Stunden geht mein Flieger von Las Vegas zurück in die Heimat, und bis dahin muss ich irgendwie die letzten 300 Kilometer zurücklegen. Aber dafür gibt es ja Roadside Assistance, das amerikanische Äquivalent zum ADAC. Ich wähle die Nummer, die auf meinem Mietvertrag steht, und tatsächlich, die Netzstärke lässt einen Freiton in meinen Hörer tröpfeln.
„Danke, dass du Alamo Roadside Assistance angerufen hast. Befinden sich du und dein Vehikel an einem sicheren Ort?“
„Äh, ja, ich denke schon. Was heißt sicher?“
„Also das Fahrzeug muss so abgestellt sein, dass es keinen Unfall verursachen kann. Ist das so?“
„Oh, ach so. Jaja, das Fahrzeug steht sicher am Straßenrand. Da kann nichts passieren.“
„Sehr gut. Wie kann ich dir heute helfen?“
Ich schildere kurz die Lage, und die Frau am anderen Ende signalisiert mir mit dem Ton in ihrer Stimme sofort, dass es gar keinen Grund zur Besorgnis gibt, und genau das sagt sie mir auch.
„Erst einmal, das ist natürlich sehr ärgerlich, was dir da widerfahren ist. Aber ich werde sicherstellen, dass dir so schnell wie möglich geholfen wird. Kannst du mir die Adresse deiner momentanen Location sagen?“
Ich nenne ihr den Namen des Resorts, soweit ich ihn im Dunkeln erkennen kann: Stovepipe Wells. Ich komme nicht umhin, zu grinsen. Natürlich trägt dieser Outpost hier einen Namen, wie ihn sich die Autoren von Dreigroschen-Western nicht besser hätten ausdenken können. Ich höre die Frau am anderen Ende der langen Leitung sehr energisch auf ihrem Keyboard tippen, dann sagt sie bedauernd: „Ich kann diesen Ort nicht finden. In welchem Bundesstaat soll das liegen, sagst du?“
„Äh, Kalifornien. Ziemlich nah an der Grenze zu Nevada. Im Death Valley Nationalpark.“ Sie tippt wieder sehr lange und sagt dann: „An der CA 190?“
Ich habe keine Ahnung, ob die Landstraße hier diese Nummer trägt, aber wie viele Stovepipe Wells in Kalifornien kann es schon geben? „Ja, genau“, sage ich also.
Wieder langes Tippen, dann sagt sie: „Also so wird das jetzt ablaufen: Ich werde einen Abschleppdienst beauftragen, und der kommt dann dich und das Fahrzeug holen. Weil das so weit draußen ist, kann das aber etwas dauern. Kannst du mir deine Telefonnummer geben, dann bekommst du alle Updates per SMS.“
Ich fange an, meine Nummer zu diktieren, doch sie unterbricht mich direkt. „Ach, das ist eine internationale Nummer? Das tut mir sehr leid, aber die Updates können wir nur an amerikanische Nummern schicken.“
„Oh, okay, und wie bekomme ich dann die Updates?“
„Nun, du kannst gerne wieder anrufen und dich erkundigen. Ich gebe dir die Vorgangsnummer.“
Dann sitze ich alleine auf der Asphaltinsel, auf der die beiden Zapfsäulen stehen. Das fahle Licht der Tankstellenbeleuchtung gibt mir echt den Rest. Immerhin quietscht nicht irgendwo auch noch ein Schild im Wind. An Surfen im Internet ist gar nicht zu denken. GPRS mag zwar eine akzeptable Gesprächsqualität auf die Reihe bekommen, aber die Seite im Handybrowser macht die Grätsche, bevor auch nur das Seitenlogo erkennbar wird.
Nach einer halben Stunde beschließe ich, dass es jetzt Zeit für ein Update ist, und rufe wieder an. „Danke, dass du Alamo Roadside Assistance angerufen hast. Befinden sich du und dein Vehikel an einem sicheren Ort?“
„Ja, absolut. Wir sind beide sicher. Das Auto und ich auch.“
„Das freut mich zu hören“, behauptet der Mann am anderen Ende. „Wie kann ich dir heute helfen?“
Ich umreiße erneut kurz die Situation und gebe ihm zudem auch die Vorgangsnummer durch.
„Ah ja, ich sehe, dass die Kollegin den Vorgang aufgenommen hat.“
„Äh, und was heißt das? Weiß man schon, wann ich abgeholt werde?“
„Nun“, sagt er gedehnt. „Das gestaltet sich in der Tat etwas schwierig. Du bist da echt sehr weit draußen, und wir sind immer noch dabei, ein Abschleppunternehmen zu finden, das bereit ist, dich von dort abzuholen. Aber mach dir keine Sorgen, das ist nur eine Frage der Zeit.“
„Ich muss gestehen, ich mache mir aber ein bisschen Sorgen“, erwidere ich. „Ich muss in zwölf Stunden in Las Vegas sein, dann geht mein Flieger.“
„Ich verstehe, dass das etwas beunruhigend ist, aber ich versichere dir, wir sind mit Hochdruck dabei, die Lage zu klären.“
„Okay“, sage ich kläglich. „Dann rufe ich in einer halben Stunde noch einmal an.“ „Mach das unbedingt“, sagt er. „Ich wünsche dir noch einen schönen Abend.“
Um nicht komplett in Panik zu verfallen, wandere ich ein bisschen die Straße auf und ab. Da fällt mir auf, dass hinter dem Mini-Mart noch ein weiteres Gebäude steht. Über der Tür dort steht groß „Rezeption“. Und durch die staubige Scheibe in der Tür schimmert tatsächlich Licht. Ich trete durch die Tür und befinde mich in einem gar nicht mal so ungemütlichen Foyer. Hinter dem Empfangstresen sitzt eine zusammengesunkene Gestalt und schnarcht leise. Ich ziehe die Tür etwas lauter als nötig hinter mir zu, und der Mann fährt zusammen und blickt mich erschrocken an.
„Wie spät ist es?“, fragt er.
Ich gucke auf mein Handy und antworte:
„Kurz vor zehn.“
„Oh mein Gott, da bin ich wohl etwas eingeschlafen. Entschuldige bitte. Was kann ich für dich tun?“
„Äh, ich weiß nicht. Ich hatte eine Reifenpanne und warte jetzt darauf, dass mir die Autovermietung einen Abschleppdienst schickt.“
„Wie bitte? Erzähl. Willst du einen Kaffee?“
Da ja offensichtlich an Schlaf vorerst nicht zu denken ist, nehme ich dankend an. Ich erzähle ihm, was vorgefallen ist.
„Und wo genau steht dein Auto jetzt?“
Ich zucke mit den Achseln. „Also ich weiß, wo es steht, aber ich habe keine Ahnung, ob die Straße einen Namen hat. Die geht circa zwanzig Kilometer von hier links ab und ist in einem miserablen Zustand.“
„Ah“, macht er wissend. „Emigrant Canyon Road. Was zum Teufel hat dich geritten, da lang zu fahren?“
„Also die direkte Straße vom Highway hierher ist kurz hinter der Abzweigung gesperrt. Deswegen bin ich den Umweg über Ridgecrest und Trona gekommen.“ „Trona?“ Er starrt mich ungläubig an. „Aber die Straße ist doch auch zu. Oder warte mal, wenn dein Auto auf der Emigrant steht, ach, dann bist du wohl über die Wildrose Road gekommen?“ Er lacht laut. „Kumpel, ich wusste nicht mal, dass die überhaupt noch befahrbar ist.“
„Na ja“, gebe ich säuerlich zurück. „Ist sie ja ganz offensichtlich auch nicht. Denn irgendwo da hats meinen Reifen gekillt.“
„Richtig!“ Er nickt. „Und jetzt?“
Ich berichte ihm vom derzeitigen Stand meiner Rettungsaktion. Er wackelt nachdenklich mit dem Kopf. „Ich will dir nicht die Hoffnung nehmen, Kumpel, aber ich glaube nicht, dass das heute noch was wird. Wir haben hier immer wieder Reisende, die eine Panne haben. Teilweise müssen sie Tage warten, bis jemand kommt und sie holt.“
Mir rutscht das Herz in die Hose. „Tage? Das wär aber äußerst ungünstig. Mein Flieger geht morgen früh.“
Er zuckt mit den Schultern. „Ich sag ja nur, wies ist. Vielleicht sind sie ja bei dir schneller. Ruf doch noch mal an.“

Impressionen aus dem Death Valley
Das tue ich.
„Danke, dass du Alamo Roadside Assistance angerufen hast. Befinden sich du und dein Vehikel an einem sicheren Ort?“
„Ja. Kann ich dir direkt die Vorgangsnummer geben?“
„Sicher. Ich werde alles tun, damit du schnell die Hilfe bekommst, die du benötigst.“
„Ja, das wär nett“, antworte ich und gebe ihm die Nummer durch.
„Also“, sagt er nach einigen langen Momenten. „Es gibt da ein Problem mit deiner Location.“ Ich werfe einen anklagenden Blick auf meinen neuen Freund hinter dem Tresen, als hätte er mit seinem Geunke dieses Location-Problem heraufbeschworen. Er zieht wieder nur die Schultern hoch. „Was ist das für ein Problem mit meiner Location?“, frag ich mit belegter Stimme.
„Wenn ich das hier richtig sehe, befindest du dich in einem Nationalpark, ist das korrekt?“
„Ja, im Death Valley Nationalpark.“
„Genau. Und das Problem ist, dass unsere Abschleppdienste in Nationalparks nicht operieren dürfen. Das dürfen nur die Ranger.“
Das muss ich erst mal sacken lassen.
„Also kommt mich keiner holen?“
„Ich fürchte, nein“, bestätigt er mit nüchterner Stimme.
„Äh, aber wie komme ich dann hier weg?“, frage ich jetzt ziemlich aufgebracht. „Als ich Roadside Assistance abgeschlossen habe, hat mir niemand gesagt: ‚Achtung, in Nationalparks bist du auf dich alleine gestellt‘.“
„Ich verstehe, dass das wirklich sehr unbequem für dich ist, und ich wünschte, ich könnte dir eine bessere Auskunft geben. Aber wir machen die Regeln nicht, die kommen von der Nationalparkverwaltung.“
„Könnt ihr mir denn nicht ein Auto schicken?“
„Bedaure, aber da sind unsere Richtlinien eindeutig. Weiter als 100 Meilen von der nächsten Filiale darf kein Auto gebracht werden.“
Jetzt werde ich ernsthaft wütend. „Also was soll denn der Mist? Wieso sagt man mir denn sowas nicht, wenn ich die Versicherung abschließe?“
„Ich glaube, das steht alles in den Versicherungsbedingungen.“
Ich weiß ja, dass er das sagen muss. Und auf eine bürokratische Art und Weise hat er natürlich recht. Nur hilft mir das jetzt hier in Stovepipe Wells kein Stück weiter. Aber ich will ihn auch nicht als einzige Verbindung zur Außenwelt verlieren, also bleibe ich ruhig. „Okay, welche Optionen habe ich denn jetzt?“
„Du könntest die Ranger anrufen und sie bitten, dich und den Wagen an den Rand des Nationalparks zu bringen. Da kann dich dann unser Abschleppdienst einsammeln.“
Ich atme ein paar Male sehr tief ein und aus. „Ich weiß nicht, wie schnell die Ranger hier so sind. Gibt es eine weitere Möglichkeit?“
„Du könntest irgendwie versuchen, näher an die nächste Filiale zu kommen. Ab 100 Meilen können wir dir dann ein Auto bringen.“
Ich denke nach. Um diese Zeit ist es utopisch, auf Reisende zu hoffen, die mich ein Stück des Weges mitnehmen könnten. Außerdem ist ja die direkte Durchfahrt von der Sierra Nevada ins Death Valley gesperrt. „Okay, danke. Ich denke, ich rufe mal die Ranger an.“
„Ja, mach das. Und sag ihnen auf jeden Fall, dass es sich um einen Notfall handelt.“
„Okay, mach ich. Danke für den Tipp.“
„Kein Problem. Trotzdem dir noch einen schönen Abend.“
Ich lege auf, und der Portier schaut mich erwartungsvoll an. Ich kläre ihn über meine beiden Optionen auf. Er gibt sich alle Mühe, ein hoffnungsvolles Gesicht zu behalten, aber seine Skepsis springt quasi aus seinen Augen hervor. Viel Hoffnung habe ich ja auch nicht. Dann fällt mir ein, dass ich ja gar nicht die Nummer der Parkranger kenne. Aber da kann mir mein Freund helfen. Er schiebt mir eine Visitenkarte über den Tresen, und ich tippe die Rufnummer in mein Handy.
„Hallo?“, meldet sich eine sehr sonore Stimme.
Ich bin ganz überrascht, dass jemand ans Telefon geht und dann auch noch so schnell.
„Oh, hallo. Hier spricht Jan Schlößer. Ich habe einen Notfall.“
„Ach, echt? Was ist das für ein Notfall?“
Ich erzähle dem Ranger von meiner Notlage und erzähle auch von dem Flieger, der in Las Vegas nicht auf mich warten wird.
„Verstehe. Wo bist du jetzt?“
„In diesem Resort. Stovepipe Wells.“
„Dachte ich mir. Nun, da hast du es warm und trocken, und ich glaube, die haben sogar WLAN da. Das würde ich nicht gerade einen Notfall nennen.“
„Nein?“, frage ich kläglich.
„Nein. Das ist eher eine unbequeme Situation.“
„Ja, aber mein Flugzeug …“
„Hör mal, Kumpel“, unterbricht mich der Ranger freundlich aber bestimmt. „Was ihr Touristen mal verstehen müsst, ist, dass so eine Fahrt durch die Wüste immer Risiken birgt. Und ja, der Flieger wird ohne dich gehen, aber du bist dort, wo du bist, immerhin in einer Behausung. Wär ja um einiges schlimmer, wenn du im Auto am Emigrant übernachten müsstest und niemand wüsste, wo du bist, oder?“
„Wenn man es so sieht“, räume ich ein.
„Na siehst du. Wir werden das Auto irgendwann in den nächsten Tagen rausschleppen, aber jetzt haben wir erst mal mit den ganzen gottverdammten Überschwemmungen zu kämpfen.“
„Okay. Viel Erfolg“, sage ich allen Ernstes. Mehr will mir gerade nicht einfallen.
„Kopf hoch, Kumpel, du wirst schon irgendwann nach Vegas kommen. Um das Auto kümmern wir uns zusammen mit deiner Mietwagenfirma.“
„Alles klar. Danke.“
Ich wähle direkt die Nummer der Roadside Assistance. Keine Lust, meinem Freund wiederzugeben, wie das Gespräch verlief. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass man das meinem Gesicht ablesen kann.
„Danke, dass du Alamo Roadside Assistance angerufen hast. Befinden sich …“
„Ja, wir sind alle sicher. Sehr sicher. Hier ist meine Vorgangsnummer.“
„Alles klar. Wie kann ich dir heute helfen?“
Ich berichte kurz von meinem Gespräch mit dem Ranger, und die junge Frau am anderen Ende ist aufrichtig empört.
„Das hat er gesagt? Eine unbequeme Situation?“
„Das hat er gesagt. Kein Notfall.“
„Was für ein … Und wie geht es jetzt weiter?“
Mir bleibt fast die Luft weg, ob dieses Rollentauschs.
„Äh, na ja, deswegen rufe ich ja bei euch an. Ihr seid die Pannenhilfe.“
„Ja, aber wie mein Kollege dir ja schon erklärt hat, sind uns die Hände gebunden. Wir sind genau wie du von den Rangern abhängig.“
Ich weiß, so etwas tut man nicht, aber ich bin so wütend und verzweifelt zugleich, dass ich zu keiner Antwort mehr fähig bin, und so lege ich einfach auf. Mein neuer Freund greift unter den Tresen und holt eine Flasche Whiskey hervor. Und danach zwei kleine Gläschen. Und obwohl mir eigentlich nach Weinen zumute ist, muss ich lachen. Das Klischee ist einfach zu real. Ich stürze meinen Shot runter und japse: „Das glaubt mir doch zu Hause keiner.“
„Was jetzt?“
„Na, das alles hier“, antworte ich und zeige im Raum rum. „Die Reifenpanne in der Wüste, den Wahnsinn mit der Pannenhilfe, Stovepipe Wells, einfach alles.“
Er grinst. „Also wenn du jetzt eh bleiben musst … Wir haben noch ein paar Zimmer frei. Ich kann dir keins umsonst geben, aber ich kann dir den Tarif für Familienmitglieder von Mitarbeitenden anbieten. Dann kostet es nicht mal die Hälfte.“
„Okay, wow. Danke. Nehmt ihr auch Kreditkarten?“
„Komm schon, wir sind in Amerika, natürlich nehmen wir auch Kreditkarten.“
„Also wenn du jetzt so eine Ratsche rausholst, haben wir ein Problem“, gebe ich zu bedenken. „Meine Karte hat keine Prägung mehr.“
„Kumpel, krieg dich wieder ein. Wir sind zwar in der Wüste, aber nicht hinterm Mond. Wir haben Internet.“
Ein paar Minuten später sitze ich auf meinem Bett in einem überraschend gemütlichen Zimmer. Und tatsächlich habe ich sogar WLAN, wenngleich mich das wirklich an meine besten 56k-Modem-Zeiten erinnert. Aber immerhin, nach einigen Minuten baut sich die Seite der Lufthansa auf. Und dann kann ich mein Glück kaum fassen, welches mir wohl doch nicht gänzlich abhandengekommen zu sein scheint. Offenbar wurde die Verbindung meiner ursprünglichen Buchung gecancelt, sodass ich jetzt die Gelegenheit habe, kostenlos auf einen anderen Flug umzubuchen. Und nirgends steht, dass dieser am selben Tag stattfinden muss wie der ursprüngliche Flug. Optimist, der ich trotz allem immer noch bin, buche ich eine Verbindung über Toronto für den übernächsten Tag. Es müsste ja mit dem Teufel zugehen, wenn ich nicht im Laufe des nächsten Tages irgendwie nach Las Vegas kommen würde. Von jetzt an kann es ja nur noch bergauf gehen, und mit diesem tröstlichen Gedanken lege ich mich schlafen.
Es klopft an der Tür. Total übermüdet ziehe ich mir schnell was an und mache auf. Draußen steht ein junger Mann.
„Ich bin die Tagschicht am Empfang. Ich soll dich von Hans fragen, ob du mit unseren beiden Hausmeistern raus zu deinem Wagen fahren willst, um deine Sachen zu holen.“
„Hans?“, frage ich verdattert.
„Ja, Hans ist hier der Chef. Er ist der Manager von dem Ganzen hier.“
„Aber ich kenne Hans ja gar nicht.“
„Mein Kollege von der Nachtschicht hat ihm wohl von deiner Lage erzählt. Ist hier schon überall Tagesgespräch.“ Er grinst.
„Wie spät ist es denn?“
„Zehn. Was ist jetzt, die beiden haben nicht viel Zeit. Brauchst du noch was aus deinem Wagen?“
„Ja, sicher. Wow. Ich bin sofort so weit. Wo finde ich die beiden?“
„Die sitzen in der Bar. Gönnen sich nen Kaffee. Du erkennst sie sofort. Haben trotz der Hitze Flanellhemden an. Ich muss wieder an den Empfang.“
Ich komme gar nicht dazu, ihn zu fragen, wo die Bar ist. Die ganze Anlage scheint doch um einiges größer zu sein, als man auf den ersten Blick wahrnimmt. Aber dann doch nicht so groß, als dass die Bar nicht zu finden wäre.

Am Tresen sitzen zwei echte Berge von Männern in Flanellhemden. Ich stelle mich neben sie.
„Hi. Man sagte mir, ihr würdet mich vielleicht zu meinem Auto fahren?“
Die beiden mustern mich und mein „Do Nothing Club“-Shirt. Dann grinsen sie. „Lustig“, sagt der eine. „Kann man Mitglied werden?“
„Klar“, sag ich. „Die Aufnahmegebühr beträgt eine Fahrt nach Las Vegas.“
Die beiden lachen. „Tja, das wird nix, Kumpel. Hans hat uns gesagt, wir sollen dich zu deiner Karre fahren, aber weiter können wir dich leider nicht bringen. Wir haben heute jede Menge zu tun. Aber wenn wir von deinem Auto zurück sind, kannst du alles Weitere mit Hans besprechen.“
Ich bin jetzt schon sehr gespannt auf Hans. Auf der Fahrt zum Jeep erfahre ich, dass seine Eltern aus Norwegen kommen und mit ihm nach Alaska ausgewandert sind, als er noch ganz klein war. Dort haben sie einen großen Fischereibetrieb aufgebaut, aber Hans wollte nicht zur See und hat bei der Nationalpark-Verwaltung angefangen, zu arbeiten.
„Dann seid ihr und die Ranger also Kollegen?“, frage ich.
„Im Grunde ja, aber wir arbeiten in ganz unterschiedlichen Abteilungen. Da gibts eigentlich keine Berührungspunkte.“
„Und wie kam Hans von Alaska in die Wüste?“, frage ich weiter.
Der Fahrer zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung, das kannst du ihn ja nachher selbst fragen.“
Nach einer halben Stunde kommen wir beim Wagoneer an. Als wir uns ihm nähern, gibt er eigentlich ein ganz normales Bild ab. Erst als wir wenden und uns hinter ihn stellen, wird das ganze Ausmaß der Tragödie offensichtlich. Das Hinterteil hängt ein gutes Stück runter, das Rad steht auf der Felge, der Reifen ist nur noch ein nutzloser Gummiring.
„Ach du Scheiße“, sagt der eine der beiden erschüttert. „Wie ist das denn passiert?“ Ich erzähle ihm die Kurzform.
„Du hast hier in der Dämmerung am Straßenrand den Reifen gewechselt?“, fragt er ungläubig. „Bist du crazy, Kumpel?“
„Na ja, wir dachten, wir bekommen ihn aufgepumpt“, antworte ich.
„Scheiß auf den Reifen“, ereifert er sich. „Darum gehts doch gar nicht. Der Straßenrand ist zur Dämmerung lebensgefährlich. Da kommen die ganzen Schlangen und Skorpione aus dem Gras angekrochen, weil sie auf den Asphalt wollen, der noch schön heiß ist.“
Mein Herz bleibt fast stehen. „Schlangen?“ frage ich lahm. „Skorpione?“ „Touristen“, schnaubt er nur.


Gestrandet in der Wüste: der Jeep Wagoneer
Ich beschließe, das Thema nicht zu vertiefen, und beginne meinen Koffer mit allem zu packen, was unbedingt wieder mit nach Hause muss. Die Matratze, die Campingtoilette sowie diverse Reinigungsutensilien bleiben im Auto. Da fällt mir auf, dass auf der Fahrerseite am Seitenfenster ein großer orangefarbener Aufkleber prangt. In schönster Maschinenschrift steht dort zu lesen, dass dieses Vehikel jetzt in den Verantwortungsbereich der Parkranger fällt und nicht mehr bewegt werden darf. Dass dieser Aufkleber als Vordruck existiert, sagt mir, dass ich mein Schicksal wohl vor mir auch schon andere Touristen ereilt hat.
Auf dem Weg zurück nach Stovepipe Wells ist der Fahrer schon wieder versöhnlicher. „Weißt du, Kumpel“, sagt er zu mir. „Ihr Touristen sitzt in euren luxuriösen Autos und denkt, solange Asphalt unter euren Rädern ist, kann euch die Natur nichts anhaben. Aber wir sind hier in der Wüste, und die hat ihre eigenen Regeln. Die Viecher machen nicht am Außenstrich der Straße Halt. Die lieben die Straße. Was meinst du, wie oft wir den Hubschrauber rufen müssen, damit die Leute mit Schlangenbissen rechtzeitig ins Hospital kommen?“
Ich habe nichts zu sagen, und so spare ich mir jede Antwort und nicke nur.
Wieder im Resort angekommen, lerne ich Hans kennen. Hans ist die Sorte Mann, bei der der Körperumfang im direkten Verhältnis zur Körpergröße steht. Und Hans ist groß. Sehr groß. Als er sich in seinem Büro aus seinem Drehstuhl hochwuchtet, muss ich richtig nach oben schauen, um in sein Gesicht zu gucken. „Ah, du bist also der Deutsche mit dem Reifen-Pech“, dröhnt er. „Hast du deine Sachen schon?“
„Ja, hab ich. Vielen Dank. Das hat mir schon mal sehr geholfen“, sage ich. „Ich denke, jetzt muss ich mal schauen, ob mich irgendwelche Touristen mit in Richtung Las Vegas nehmen können.“
Er schüttelt den Kopf. „Da wirst du kein Glück haben, Kumpel“, sagt er. „Die 190 ist im Westen hinter dem Saline Valley immer noch gesperrt. Von dort wird heute niemand kommen. Und die paar, die aus der anderen Richtung kommen und nach Westen wollen, fahren dann die Wildrose Road nach Ridgecrest runter.“
„Na toll“, sage ich bekümmert. „Da komm ich gerade her. Auf der verdammten Straße ist mein Reifen geplatzt.“
Ich erzähle ihm meine Geschichte inklusive der Rettung durch die Schwaben.
Er lacht dröhnend. „Wie stehen die Chancen, was?“, sagt er. „Pass auf, Kumpel. Du hast Glück. Heute ist Mittwoch, und jeden Mittwoch werden einige Personen vom Personal nach Hause gefahren und andere werden dann hergebracht. Niemand kann das hier länger als zwei Wochen aushalten. Außer mir.“
Da hake ich direkt ein und stelle noch mal die Frage nach seinem Werdegang. Ich erfahre, dass er irgendwann genug von der Wildnis Alaskas und sie gegen die Wildnis der kalifornischen Wüste eingetauscht hatte. Ich erzähle ihm, dass ich quasi gerade von Alaska komme, und er möchte wissen, wo ich überall war. Er ist beeindruckt, rät mir aber für das nächste Mal unbedingt die Fähre von Valdez nach Whittier durch den Prince William Sound zu nehmen.
„So, und jetzt hör zu. Wie gesagt haben wir heute eine Personal-Tour, wenn die Straße im Osten wieder befahrbar ist. Das stellt sich im Laufe des Tages raus. Wenn wir fahren, kannst du mit. Eigentlich ist das streng verboten, wegen Versicherung und so, aber mein Kollege meinte, dass du ein netter Kerl bist, und ich glaube, er hat recht. Also werde ich für dich ne Ausnahme machen.“
Ich kann mein Glück kaum fassen und würde ihm am liebsten um den Hals fallen. Dafür müsste ich allerdings weit hochspringen.
„Wow, danke. Das ist ja unglaublich. Aber ich zahle natürlich auch dafür.“
„Kumpel, ich will kein Geld. Mach dich heute einfach ein bisschen bei uns nützlich und gib uns ne gute Bewertung. Dann sind wir quitt.“ Und damit setzt er sich wieder hin, und das Gespräch ist offensichtlich beendet. Ich will gerade gehen, da sagt er noch: „Ach ja, wenn du willst, kannst du mit unseren Leuten zu Mittag essen. Ich glaube, heute gibts sogar Schnitzel.“
Was folgt, ist einer der merk- und denkwürdigsten Tage des gesamten Trips. Ich räume Pullover im Souvenirladen ein, ich vertrete bei jeder Pinkelpause den jungen Mann vom Empfang, der mich morgens so nett geweckt hat, ich fülle die Wassereimer mit der Reinigungsflüssigkeit an der Tankstelle auf und ansonsten sitze ich bei den Mitarbeitenden rum und höre mir ihre Geschichten an. Zum Mittagessen gibt es wirklich Schnitzel, und ich hocke inmitten der fröhlichen Truppe und muss immer wieder zum Besten geben, wie und wo genau mein Reifen geplatzt ist und wie ich todesmutig den Schlangen und Skorpionen trotzte und einen Reifenwechsel durchführte. Am Straßenrand.
Ich stehe gerade mit einer umgebundenen Küchenschürze an der riesigen Spüle und trockne Töpfe ab, die größer sein könnten als meine Dusche zu Hause, da kommt Hans herein und lacht dröhnend, als er mich sieht. „Die Schürze steht dir, aber sie passt nicht zu deinem Shirt“, sagt er und lacht wieder. „Hättest du vorhin beim Anziehen des Shirts auch nicht gedacht, dass du heute dem 'Do Something Useful Club' beitreten wirst, was?“
Ich zucke nur verlegen mit den Schultern. „Du hast gesagt, ich soll mich nützlich machen.“
„Und wie ich höre, machst du das ganz großartig. Hast du wirklich vorhin ein Ehepaar eingecheckt?“
„Na ja, nicht wirklich, nur alles vorbereitet, bis der Kollege kam. Ich hab ja keinen Zugriff auf das Kassensystem.“
Er lacht wieder laut und dröhnend. „Willst du vielleicht hierbleiben? Du wärst nicht der erste, der hier spontan sein neues Zuhause findet.“
Ich nicke. „Hab ich schon gehört. Spannend, was einige hier zu erzählen haben.“ „Nicht wahr?“ Er setzt sich an den Tisch vor mir. „Hör zu, Kumpel. Ich nehme an, ich kann dich nicht zum Hierbleiben bewegen. Die Fahrt nachher findet statt. Du musst nur zusehen, wie du von dort nach Las Vegas kommst, aber dort bist du auf jeden Fall besser angebunden als hier.“
„Oh Mann“, sage ich aufrichtig erleichtert. „Vielen, vielen Dank noch mal. Aber, äh, wo ist denn dieses ‚dort‘?“
„Ach, hab ich das noch nicht erwähnt? Der Ort heißt Beatty. Beatty, Nevada.“ Und damit erhebt er sich und verlässt die Küche.

Ich trockne noch schnell zu Ende ab, und dann rufe ich bei meinen Freunden von der Pannenhilfe an. Noch bevor die Stimme irgendetwas sagen kann, rufe ich ins Telefon: „Ja, jaaaa, das Auto und ich befinden uns an einem sicheren Ort.“
Dieses Mal habe ich einen jungen Mann dran, und nachdem er sich durch die mannigfaltigen Einträge im System durchgearbeitet hat, fragt er etwas ratlos: „Und was kann ich jetzt für dich tun?“
Ich unterrichte ihn davon, dass ich in ein paar Stunden nach Beatty, Nevada gebracht und mich dort dann definitiv in dem Einzugsgebiet einer Alamo-Filiale befinden werde.
„Na, das ist ja super“, sagt er völlig emotionslos. „Dann ruf bitte an, wenn du dort bist, und wir arrangieren einen Transfer zu dir.“
„Äh, können wir das nicht etwas abkürzen?“, schlage ich vor. „Ich weiß ja, wann ich dort sein werde, das heißt, ihr könnt den Wagen so hinbringen, dass er schon da ist, wenn ich ankomme.“
„Ah, sorry, aber das geht leider nicht“, bedauert er weiterhin komplett unbewegt. „Wir können den Transfer erst anschieben, wenn du vor Ort bist. Vorher geht das leider nicht. Es kann ja noch eine ganze Menge dazwischenkommen.“
Ich bin aus dem Stand auf 180. Und drehe bei ihm jetzt wirklich erst mal die große „Was ich euch schon immer sagen wollte“-Runde. Er lässt das stoisch über sich ergehen, ohne dass irgendeine Reaktion hör- oder merkbar wäre.
„Na ja, weißt du was?“, sage ich. Ich bin jetzt wirklich beim absolut wütenden Kind-Ich angekommen. „Ich rufe einfach an, wenn wir hier losfahren, und sage, dass ich schon da bin.“
„Das kannst du natürlich machen“, sagt er ungerührt. „Ich hab allerdings unsere Gesprächsnotizen schon ins System eingetragen, und in denen steht, dass du abends in Beatty sein wirst.“
Da bleibt mir echt die Spucke weg.
„Kann ich dir sonst noch irgendwie helfen?“
„Ich denke nicht“, krächze ich.
„Okay. Dann danke, dass du bei Alamo Roadside Assistance angerufen hast. Einen schönen Tag noch.“
Ein paar Stunden später sitze ich in einem unklimatisierten Van inmitten von schwatzenden und lachenden Bediensteten und bin trotz der Nummer mit der Pannenhilfe irgendwie richtig fröhlich, wenn nicht sogar glücklich. Der Tag war wirklich besonders. Tolle Einblicke, lustige, bewegende und auch traurige Gespräche, sehr viel Musik, die mir von den verschiedenen Leuten empfohlen wurde und die ich von nun an immer mit diesem Tag in Verbindung bringen werde. Und dann fahren wir in Beatty, Nevada auf eine Tankstelle, die Schiebetür geht auf und alle steigen mit aus, nehmen mich in den Arm und klopfen mir auf die Schulter. Sie werden alle bis an ihre Haustür gebracht, aber für mich endet die Mitfahrt hier. Mit ein paar Leuten tausche ich noch schnell die WhatsApp-Kontakte und Instagram-Accounts aus, und dann sind sie weg. Ich schaue mich sehr ungläubig um. Die Tankstelle liegt direkt am Highway, ich habe 5G-Empfang, und es ist erst kurz nach sechs Uhr abends. Ich denke mir, dass ja nun wirklich nichts mehr schiefgehen kann, armer Tor, der ich bin.
„Danke, dass du Alamo Roadside Assistance angerufen hast. Befinden sich du und dein Vehikel an einem sicheren Ort?“
Ich bestätige den sicheren Ort und gebe meine Vorgangsnummer durch, die ich mittlerweile auswendig kenne.
„Alles klar, ich hab deinen Fall hier vor mir. Wie kann ich dir heute helfen?“
„Also ich bin jetzt in Beatty, Nevada. Könntet ihr jetzt einen Autotransfer initiieren? Ich muss heute noch ganz dringend nach Las Vegas kommen.“
„Klar, kein Problem. Ich schick dich kurz in die Warteschlange und schaue, welche Station für dich in Frage kommt, okay?“
Ich kann gar nicht antworten, denn schon ertönt die Warteschlangenmusik. Und die ertönt für lange Zeit. Für sehr lange Zeit. Ich weiß nicht genau, wie lange, aber in der Zeit hätte ich in Stovepipe Wells definitiv die gesamte Inventur des nicht gerade kleinen Souvenirshops durchgeführt. Schließlich ertönt dann doch ihre Stimme wieder.
„Also ich hab jetzt auch noch mal mit meinem Supervisor gesprochen, aber es ist leider so, dass die Filiale, die für dein Ersatzauto zuständig wäre, seit 18 Uhr geschlossen hat. Wir können das Auto also leider erst morgen früh rausschicken.“
Ich blicke ungläubig auf die Szenerie um mich herum. Die Tankstelle, die wenigen Autos, die dann doch nur unterwegs sind, das schäbige Hotel neben der Tankstelle mit einer noch schäbigeren Subway-Filiale darin. Dagegen habe ich Stovepipe Wells eingetauscht?
„Hallo, Sir? Bist du noch dran?“
„Mein Flug geht um neun Uhr morgens“, sag ich fast flüsternd. „Wie stellt ihr euch das vor?“
„Das ist in der Tat ein Problem“, sagt sie bedauernd. „Die Filiale macht erst um acht Uhr auf und bis zu dir sind es bestimmt zwei Stunden …“
Den Rest höre ich nicht mehr, denn ein zweites Mal innerhalb von 24 Stunden lege ich einfach auf.
Die nächste Stunde verbringe ich damit, alle Personen, die zum Tanken an die Zapfsäulen kommen, zu fragen, ob sie zufällig nach Las Vegas oder zumindest in die Richtung fahren. Aber niemand ist auf dem Weg in die Casino-Hochburg. Irgendwann kommt ein Mann aus der Tankstelle. Ich weiß nicht, ob ihm die kleine Tankstelle in Beatty, Nevada gehört, aber zumindest verrichtet er seinen Dienst hinter der Ladentheke im Inneren. „Hey Kumpel, darf ich fragen, was du hier die ganze Zeit mit meinen Kunden treibst?“, fragt er argwöhnisch.
Ich erkläre ihm kurz die Lage, und er entspannt sich sofort.
„Oh Mann, was für eine Scheiße“, sagt er ernsthaft aufgebracht über das Gebaren der Pannenhilfe. „Hast du mal ein Uber oder ein Taxi aus Las Vegas versucht?“ Habe ich natürlich, aber da wir immer noch 250 Kilometer von Las Vegas entfernt sind, kommt keine Buchung zustande, weder über die App noch im direkten Gespräch am Telefon. Ich stehe ja jetzt auch schon geraume Zeit hier und habe alle Möglichkeiten durchgespielt.
„Warte mal“, sagt er plötzlich. „Da fällt mir was ein. Gib mir ne Minute, okay?“ Er eilt zurück in seinen Miniladen und kommt kurz darauf mit einem Flyer in der Hand zurück. „Ja, hier hab ichs. Es gibt hier in Beatty so ne kommunale Organisation, die bietet billige Fahrten nach Las Vegas an. Das Angebot ist für die Leute, die hier wohnen und dort arbeiten, also welche, die nicht viel Geld haben, aber vielleicht nehmen sie dich ja mit. Die fahren immer um 21 Uhr unten am Casino ab.“ Er reicht mir den Flyer, und ich wage gar nicht mehr an mein Glück zu glauben. Auf der Rückseite prangt ein gewaltiger QR-Code. „Hier buchen“, steht dort. Auf der Website gebe ich an, dass ich kein Mitglied der Arbeitervereinigung von Beatty, Nevada bin. Das wirkt sich zwar auf den Fahrpreis aus, nicht aber auf die generelle Möglichkeit mitzufahren, und so eile ich wenige Augenblicke später mit meinem gewaltigen Koffer den verlassenen Highway Richtung Casino herunter.

Als punkt 21 Uhr der Mercedes Sprinter vorfährt, staunen die Fahrerin und die Mitfahrenden nicht schlecht, als ich einsteige. Der Koffer wird im Gepäckanhänger verstaut, und dann geht es wirklich und wahrhaftig los nach Las Vegas. Als ich gegen Mitternacht am Gebäude für Mietwagen aussteige, kann ich nicht glauben, dass ich wirklich angekommen bin. Die wirklich aufrichtigen Entschuldigungen und Erklärungen der Alamo-Mitarbeiterin dringen gar nicht richtig zu mir durch. Und erst recht hilft nicht, dass sie mir versichert, wenn ich direkt bei ihnen am Schalter angerufen hätte und nicht die Pannenhilfe, dass sie natürlich auch aus Vegas ein Auto zu mir geschickt hätten. Ich weise noch energielos darauf hin, dass ich das aus Beatty, Nevada versucht hätte, aber immer nur bei der landesweiten Hotline von Alamo gelandet bin, die mich an die Pannenhilfe weiterverwiesen hat. „Oh Mann, hat man dir denn bei der Anmietung keine Karte von uns mitgegeben?“ Ich schüttle nur den Kopf, und wir schauen uns stumm an.
Als das Schweigen unangenehm wird, sagt sie: „Okay, aber jetzt hast du es ja geschafft. Ich geb dir wenigstens einen Hotelgutschein mit, damit du vor dem Flug noch einmal richtig schlafen und duschen kannst.“
Ich schüttle energisch den Kopf. „Nimm's mir nicht übel, aber ich hab hart dafür gekämpft, hier zum Flughafen zu kommen, ich bewege mich hier nicht mehr weg. Ich schlafe auf den Sitzen am Gate.“
„Kann ich verstehen, oh Mann, es tut mir echt so leid.“
„Ist ja nicht deine Schuld. Was passiert denn jetzt mit dem Auto?“
Sie winkt ab. „Das lass mal unsere Sorge sein. Du bist ja voll versichert. Dich betrifft das ab jetzt nicht mehr.“
Und so bereite ich mir im Terminal am Schalter von Air Canada ein kleines ungemütliches Bett aus meinen Utensilien und hebe tatsächlich pünktlich ein paar Stunden später in Richtung Toronto ab.

Ein halbes Jahr später fahren Max und ich in einem Jeep Wagoneer in Stovepipe Wells vor. Es ist der vorletzte Tag unseres aktuellen Roadtrips, der uns von San Francisco über San Diego, Tucson und den Grand Canyon nach Las Vegas geführt hat. Von dort sind wir an unserem vorletzten Morgen spontan zu einem Tagesausflug ins Death Valley aufgebrochen, und nachdem wir uns in dem Badwater-Becken davon überzeugen konnten, dass dieses seinen Namen zu Recht trägt, will Max sichergehen, dass die Geschichte sich wirklich so dramatisch zugetragen hat, wie ich sie zurück in Deutschland zum Besten gegeben habe.
Und tatsächlich erkenne ich ein paar Leute wieder, als wir den Souvenirladen betreten. Schnell spricht sich rum, dass ich da bin, und schließlich stehen fast alle, die ich noch kenne, um uns herum und begrüßen mich aufgeregt und wollen wissen, wie die Geschichte zu Ende gegangen ist. Als ich das Beatty-Kapitel erzählt habe, werden wir zu Hans geschickt. Der sitzt natürlich in seinem Büro am Schreibtisch. Als Max und ich hereinkommen, sieht mich seine Sekretärin und ruft: „Ach nee, schau mal, wer wieder da ist.“
„Der deutsche Verrückte“, dröhnt Hans und steht auf, um uns beide zu begrüßen. Ich stelle ihm Max vor und erzähle ihm, dass wir wieder mal auf einem Roadtrip unterwegs sind.
„In was für einem Wagen?“, will er wissen. „Etwa wieder ein Jeep?“
„Da kannst du aber einen drauf lassen“, antworte ich grinsend. „Und es ist sogar wieder ein Wagoneer.“
Und Hans lässt wieder seine dröhnende Lache ertönen, bevor er uns an die Bar schickt, wo wir ein oder zwei Bier aufs Haus trinken sollen. Das erledigen wir natürlich äußerst gerne.



Ein Wiedersehen in Stovepipe Wells
Dann fahren wir mit dem Wagoneer an die Stelle, an der mein letzter Roadtrip sein unrühmliches Ende nahm. Wir stellen unseren Wagen an genau die Stelle und schießen ein Foto.
Beim Wiedereinsteigen fasst Max die Situation perfekt zusammen: „Ganz ehrlich? Hätt ich gar keinen Bock drauf.“


In Memorian: Der Wagonner, ders aus dem Death Valley auch wieder rausgeswchafft hat
Als ich drei Jahre später erst durch Trona komme und eine Stunde danach an Stovepipe Wells vorbeifahre, denke ich an diese ganze Geschichte. Allerdings halte ich nicht an, denn zum einen wartet mal wieder Max in Las Vegas auf mich, wo ich ihn zu einem weiteren Roadtrip abhole, dieses Mal durch Utah und Colorado. Und zum anderen ist die Geschichte irgendwie zu Ende erzählt. Die Wildroase Road, also die, auf der mein Reifen sein Ende nahm, ist übrigens mittlerweile dauerhaft gesperrt.
So. Meine lustigen Fotos auf der Baumbank in Trona sind gemacht und bestimmt total lustig. Mein viertes Mal an diesem Ort und ich frage mich, ob mein Leben wohl noch weitere vereit hält. Dann besteige ich mit brennender Schädelplatte den Grand Wagoneer und lasse auch dieses Mal Stovepipe Wells links und rechts des Weges liegen, denn das Resort erstreckt sich auf beiden Straßenseiten in die Wüste. Und als ich in Beatty, Nevada auf den Highway biege, halte ich kurz für ein Foto an. Aber nur kurz. Ich habe es zwar nicht eilig, aber Trödeln ist auch nicht drin. Immerhin möchte ich heute Abend am entlegensten Aussichtspunkt am ganzen Grand Canyon übernachten.