Ist ja gut, Kalifornien

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Ist ja gut, Kalifornien

Ich weiß nicht, ob Bäume Grenzen zwischen Bundesstaaten anerkennen, aber es kann kein Zufall sein, dass nur wenige Kilometer hinter der Bundesstaatengrenze bereits vereinzelt die ersten Mammutbäume links und rechts der Straße auftauchen. Darüber hinaus kommen sie auch nur genau hier in Kalifornien vor. Nirgends auf der Welt findet man sie sonst. 

Ich hab mal gelernt, dass es zwei Arten von Mammutbäumen gibt. Die hier, die in Küstennähe stehen, und von den Amerikanern „Redwoods“ genannt werden. Allerdings sind sie kein bisschen rot, sondern haben eine tiefbraune Rinde. Weiter oben in der Sierra Nevada, dem Gebirge Kaliforniens, stehen ihre Verwandten. Die heißen im Amerikanischen „Sequoias“ und haben eine orangefarbene, teils tiefrote Rinde. Ich stelle mir gerne vor, dass in irgendeinem Umweltamt oder an einer Uni bei der Vergabe der Namen ein Dreher passiert ist. Vielleicht dem Doktoranden. Und als der Prof den Fehler bemerkt, beschließen sie, dass die Umänderung zu viel Arbeit wäre. „Nee, wir lassen das jetzt so, das merkt doch eh keiner!“

Jedenfalls sind die beeindruckenden Kollegen hier links und rechts der Straße Vertreter der braunen Küstenmammuts. Die sind aber noch nicht ganz so riesig wie die, die ich bei meinem letzten Besuch hier in Kalifornien gesehen habe. Und da, wo die echten Riesen stehen, will ich heute noch hin und auch übernachten, wenn sich ein schönes Plätzchen finden lässt.

Bevor ich dort aber hinkomme, treibt mich mein Hunger in ein Restaurant des goldenen Ms. Ich gestehe, wenn ich alleine im Auto unterwegs bin, dann steht mir nicht der Sinn danach, in den kleinen amerikanischen „Towns“ mit der örtlichen Bevölkerung zusammen die regionalen Spezialitäten zu verkosten. Ich bin dankbar, wenn schnell, effizient und ja, auch anonym mein Hunger gestillt wird. Ich zücke meinen Gutschein, denn auf Hawaii bin ich genauso vorgegangen und habe – Sparfuchs, der ich bin – an der auf der Quittung beworbenen Befragung teilgenommen und dafür einen Coupon erhalten. Daran merkt man, dass ich wirklich in den USA angekommen bin, also mental. Die stehen hier voll auf das sogenannte „Couponing“. Deswegen ja auch die Safeway-Karte. 

Was ich auch an McDonalds mag, ist die Tatsache, dass man ganz in Ruhe und ohne sich zu stressen an diesen Selbstbedienungs-Displays bestellen kann. Manchmal, wenn ich wirklich gar keine Lust auf Smalltalk habe, dann ist das sogar ein Grund, extra zu McD zu fahren. Also gebe ich an einem dieser Kioske meinen Code ein und erhalte prompt eine Fehlermeldung. „Code hier nicht anwendbar. Am Counter nimmt man gerne deine Bestellung auf.“
Das sagt das Display. Das Gesicht des jungen Mannes am besagten Counter sagt etwas ganz anderes. Aus dem spricht die pure Langeweile.
„Hallo, ich habe diesen Coupon hier.“
Ich reiche ihm den arg verknitterten Zettel. Das ist ja immer noch die Quittung von Hawaii, auf der ich meinen Code notieren musste. Diesen tippt er ein und murmelt:
„Ah ja, okay, welcher Burger?“
„Auf jeden Fall einen Big Mac und …“
„Okay, zwei Big Macs.“
„Äh, nee, ein Big Mac und ein …“
„Sorry, der Coupon funktioniert so: Zwei zum Preis von einem.“
Ich schaue ihn verwirrt an. „Das ist mir klar, ich versuche ja gerade den zweiten zu bestellen.“
„Ach so, nein, nein. Es müssen beides die gleichen sein.“
„Ist das so?“ frage ich und zupfe ihm den Zettel aus der Hand. Ich schaue drauf und bin beruhigt, dass meine Englischkenntnisse mich doch nicht im Stich gelassen haben. „Also hier steht: zwei Burger zum Preis des jeweils teureren.“
„Ja. Und?“
„Na ja, wenn beide zusammen so viel kosten wie der Teurere, müssen die ja unterschiedliche Preise haben. Das spricht doch sehr für zwei verschiedene, oder?“
Er glotzt mich jetzt ernsthaft ratlos an. „Vielleicht sollte ich den Manager rufen.“
Das tut er und der Manager, der alterstechnisch so aussieht, als wäre er letztes Wochenende erst konfirmiert worden, kommt auf dem fettigen Boden angeschlittert.
„Hallo. Willkommen bei McDonalds. Was kann ich für dich tun?“
Mein anderes Gegenüber schaltet sich direkt ein. „Er hat diesen Coupon. Zwei für einen. Aber er sagt, es müssen zwei verschiedene sein.“
„Äh, also das sagt der Coupon“, stelle ich klar und reiche dem Manager den Zettel. Der liest aufmerksam den Text und kräuselt die Stirn.
„Also ich sag dir was, das ist mir total neu. Mir wurde immer gesagt, es müssen zwei gleiche sein.“
„Ja, oder?“ ereifert sich sein Kollege.
„Und hier steht ja auch, zwei für einen.“
„Ja, aber da steht auch, beide kosten dann soviel wie der jeweils Teurere. Ist denn bei zwei Big Macs einer teurer als der andere?“ frage ich.

Fünf Minuten später sitze ich auf dem Fahrersitz meines Jeeps und betrachte die beiden Big Macs vor mir auf dem Armaturenbrett. Ich bin ja eh nur hier, um satt zu werden. Das schaffen zwei gleiche Burger ja wohl genauso wie zwei verschiedene.

Mein Tagesziel liegt in Nordkalifornien zwischen zwei sehr verschlafenen Örtchen namens Ferndale und Honeydew. Ich bin bei einem früheren Roadtrip durch Zufall auf diese ganze Gegend gestoßen, die sich „Lost Coast“ nennt. Ferndale an sich ist schon einen Ausflug wert. Eine kleine Gemeinde abseits der touristisch hochfrequentieren Route 1, die aussieht wie aus der Zeit gefallen. Eine Main Street, an der es kleine Cafés, den obligatorischen Saloon und natürlich auch einen kleinen Werkzeugladen gibt. Die Häuser sind noch aus der Siedler-Zeit, oder sehen zumindest so aus. Und wenn man dann am Ortsausgang die sehr schmale und abenteuerliche Straße nach Petrolia und Honeydew einschlägt, wird man mit einer spektakulären Fahrt belohnt. Erst geht es immer weiter hoch durch sehr dichten Urwald bis ich in den an diesem Tag sehr tief hängenden Wolken lande. Alles wird sofort in mystischen Nebel getaucht. Dann fahre ich eine Weile auf den Gipfeln dieser Hügellandschaft entlang, während links und rechts Farmland vorbeizieht. Danach fällt das Sträßchen in steilen Serpentinen bis an die Küste ab. Und zwar wirklich direkt an die Küste. Hier ist der Name „Lost Coast“ wirklich Programm. Bis auf ein paar Schafe gibt es hier nichts und niemanden außer Weiden auf der einen und dem wilden Pazifik auf der anderen Seite. Und genau hier suche ich mir eine kleine Ausbuchtung und verbringe direkt neben den anbrandenden Wellen meine Nacht.

Die Weiterfahrt am nächsten Tag ist nicht weniger spektakulär. Ich komme mir vor, als führe ich durch die Hood von den Waltons. Und ich freue mich, dass der Ort, zu dem ich will, wirklich genau so verschlafen und bezaubernd ist, wie ich ihn in Erinnerung habe: Honeydew. Und natürlich ist der Countrymart das Herz des Dorfs. Supermarkt, Tankstelle, Poststation und Treffpunkt inklusive Klatsch und Tratsch in einem. Das ist übrigens kein Schreibfehler, wenn man „Mart“ schreibt. Wie den ganz großen Bruder „Wal Mart“ schreibt man auch die kleinen, eher ländlichen Vertreter ohne „ke“. Und zwar aus dem ganz profanen Grund der Bequemlichkeit. 

Ich tanke Benzin und Kaffee, setze mich auf die Bank vor dem Mart und lasse einfach alles auf mich wirken. Genau das wollte ich. Beim letzten Mal war ich etwas in Eile, weil bis zu meinem Abflug nicht mehr allzu viel Zeit war. Heute möchte ich zwar auch noch sehr weit ins zentrale Kalifornien hinein, aber wann ich dort ankomme, ist völlig egal. Also lausche ich wirklich nur den Vögeln und dem diffusen Stimmengewirr aus dem Mart-Inneren und lasse mir die Sonne auf die eingecremten Arme scheinen.

Als ich genug gechillt habe, breche ich auf in Richtung Süden. Auf dem Weg an den touristischeren Teil des berühmten Highway 1 fahre ich dieses Mal mitten durch die eng stehenden Mammuts. Die „Avenue Of The Giants“ schlängelt sich wirklich spektakulär an den Stämmen vorbei. Die Sonne bricht immer wieder durch das Blätterdach; ich kann mein Glück kaum fassen. Und das bleibt mir hold. Ich stoße bei Fort Bragg wieder an die Küste und muss feststellen, dass der Highway hier oben im Norden wirklich so toll ist, wie in jedem Reiseführer behauptet wird. Das ist nicht selbstverständlich, denn den südlichen Teil von Los Angeles nach San Francisco bin ich schon gefahren und der ist echt ganz okay, aber da habe ich in Gedanken schon die Frage an die Autoren besagter Reiseführer gestellt, ob sie schon mal die Adria entlang gefahren sind. Heute stellt sich diese Frage nicht, ich gleite am in der Sonne glitzernden Pazifik vorbei, bizarre Felsformationen im Wasser und die spektakuläre Steilküste zwingen mich immer wieder zu Fotostopps.

Und wie ich so zu lauter Musik und bei offenem Panoramadach den Highway entlangcruise, nehme ich aus dem Augenwinkel (das wird langsam zur Gewohnheit) ein Schild wahr. „Willkommen in Mendocino“. Mendocino? Da nistet sich doch direkt ein Ohrwurm in meinem Kopf ein. Ich biege vom Highway ab und beschaue mir das Örtchen mal von Nahem. Und das Anschauen dauert nicht besonders lange. Also wenn Michael Holm wirklich viele Tage hintereinander an jede Tür geklopft und sein Girl trotzdem nicht gefunden hat, dann vielleicht deswege, weil er sich nur an eine Tür pro Tag getraut hat. Wenn er bei seiner Klopf-Aktion nämlich ordentlich durchgezogen hätte, wäre er nach ein paar Stunden durch gewesen; das steht bei der realen Größe des besungenen Ortes fest. Und so schnuckelig der Ort auch ist, langsam sitzt mir doch die Zeit im Nacken, denn ich würde gerne noch bei Tageslicht in San Francisco einfahren und das gelingt mir auch.

Es gibt so ein paar ikonische Sehenswürdigkeiten, deren Besuch ist einfach Pflicht, auch wenn man sie schon öfter gesehen hat. Und die Golden Gate Bridge gehört für mich auf jeden Fall dazu. Vielleicht wegen der Geschichte, die ich damit verbinde. Einer meiner besten Freunde hat mir früher immer wieder von seiner Reise nach Kalifornien erzählt. Und zwar ist er mit seinem Bruder nach San Francisco gereist, weil genau diese Stadt damals in den Achtzigern so unerreichbar und abenteuerlich klang. Als sie ankamen, hatte aber leider gerade erst ein paar Tage vorher ein heftiges Erdbeben die Stadt erschüttert. Und die Golden Gate Bridge war aus Sicherheitsgründen gesperrt worden, weil man erst die Statik überprüfen musste. Und so konnten sie das Vorhaben, einmal über die Brücke zu laufen, nicht umsetzen. „Ich sags dir, Jan. Ich werde irgendwann über diese verdammte Brücke laufen.“ So endete diese Geschichte wie in einem schlechten Film jedes einzelne Mal, wenn er sie mir erzählte. Und wie in einem noch viel schlechteren Film kam es nie zu dieser Überquerung. Rainer konnte diesen Plan nicht mehr umsetzen. Aber so sehr ich ihn auch gemocht habe, zu Fuß bin ich da kein einziges Mal rüber. Es muss reichen, dass ich vom Aussichtspunkt jedes Mal auf die Brücke schaue und denke: „Das ist für dich Rainer“.

Golden Gate Bridge

San Francisco selbst lasse ich dieses Mal sehr schnell hinter mir. Ich war schon ein paar Male hier und mag die Stadt. Sie bringt zwar wirklich krasse soziale Probleme mit sich, die sich unter anderem in ganzen Scharen von Phentanyl-Junkies in der gesamten Downtown-Region offenbare. Aber sie hat trotzdem noch genau das Flair, das man sich bei ihr vorstellt. Die legendär steil abfallenden und ansteigenden Straßen, die bimmelnden Trams, die grölenden Seelöwen unten am Pier von Fisherman’s Wharf, die bunten Holzhäuser … Als Tourist fällt es einem wirklich leicht, sich in der Stadt wohlzufühlen. Wäre ich etwas früher hier gewesen, hätte ich noch einen Stopp an einem meiner absoluten Highlights eingelegt: dem Salesforce-Park. Das ist ein kleiner, aber sehr schöner und gepflegter Park, der im Herzen der Stadt auf dem Dach einiger Gebäude angelegt wurde. So sieht Urban Gardening in seiner schönsten Form aus. 

Aber Honeydew hatte heute Priorität und so finde ich mich schon auf der anderen berühmten Brücke dieser Region wieder: der Bay Bridge. Die ist auch echt ein Hingucker, vor allem im Dunkeln. Im Gegensatz zu ihrer roten Schwester ist sie ganz weiß und hat darüber hinaus den Vorteil, dass man die ganze Zeit auf die Skyline zufährt, wenn man stadteinwärts unterwegs ist. Ich hab sie allerdings im Rückspiegel, als ich dieses Mal ziemlich bewusst ein riesiges Richtungsschild lese: Lake Tahoe 200 Meilen. Also jetzt, wo ichs mir so überlege: An dem war ich noch nie und das, obwohl er ja sehr bekannt ist. Und 300 Kilometer sind ja schnell gefahren, easy. So euphorisch ich diese spontane Entscheidung auch treffe, so müde komme ich um Mitternacht am Seeufer an. Und stelle fest, dass ich in den letzten beiden Nächten ziemlich verwöhnt wurde, was Übernachtungsmöglichkeiten angeht. Denn so schön der See mit seinem Bergpanorama auch sein mag, eins ist er nicht: verlassen. Genau genommen ist er das absolute Gegenteil. Jeder Zentimeter des Ufers scheint bebaut, bewirtschaftet oder auch einfach nur grundlos gesperrt zu sein. Und je länger ich die Uferstraße entlangfahre, desto mehr ähnelt meine Stimmung der, in der ich mich befinde, wenn ich zu Hause in Winterhude mal wieder nachts eine Runde nach der anderen auf der Suche nach einem Parkplatz drehe. Da! Ein Schild am Straßenrand. Das ist nicht nur ein Running-Gag, sondern in diesem Fall auch ein willkommener Hinweis auf einen staatlichen Campingplatz. Natürlich sitzt um diese nachtschlafende Zeit niemand im Kassenhäuschen, aber es gibt einen Automaten. Der außer Betrieb ist. Aber es gibt darüber hinaus einen Briefkasten mit Formblättern, auf denen man seine Fahrzeuglänge und seine Kreditkartendaten angeben soll. Die Blätter sind vergriffen, nur zwei verwaiste Bleistifte fristen ihr trauriges Dasein in dem Kasten. Na gut, dann bezahle ich eben morgen, wenn ich den Campingplatz verlasse. 

Campingplatz am Lake Tahoe

Tue ich nicht. Denn auch am nächsten Morgen, der auf eine wirklich sehr erholsame Nacht ohne Mäusebesuch folgt, sitzt niemand in dem Häuschen. Na gut, wenn sie mein Geld nicht wollen. Beim Blick auf die Karte fällt mir auf, dass sich Kalifornien den Lake Tahoe mit Nevada teilt und Reno nur einen Katzensprung entfernt liegt. Und weil mein heutiges Tagesziel, der Yosemite Nationalpark, gar nicht so weit weg ist, nehme ich den Umweg auf mich und statte dieser für ihre Casinos bekannten Stadt am Rande der Wüste einen kurzen Besuch ab. Dann starte ich auf der Nevada-Seite des Lakes meine Tour nach Süden. Und irgendwie habe ich ein glückliches Händchen bei der Routenauswahl, denn ich fahre über Gebirgspässe, von denen ich noch nie gehört habe, über Hochebenen, deren Namen mir gänzlich unbekannt sind und an Seen vorbei, an deren Ufern sicherlich Namensschilder stehen, die aber beim Cruisen ungelesen bleiben. Nur das Schild vom Stanislaus National Forest steht so monumental mitten in der Landschaft, dass man es gar nicht übersehen kann.  

Die Sonne taucht schon die ganze Landschaft in richtig warmes Spätnachmittagslicht, als ich am Nord-Tor des Yosemite Nationalparks ankomme. Ich frage den Ranger im Häuschen, ob er mir ne Empfehlung für den Sonnenuntergang geben kann.  Und irgendwie scheint der Reisegott es besonders gut mit mir zu meinen, denn ich erfahre, dass genau heute der erste Tag nach dem Winter ist, an dem der Glacier Point wieder mit dem Auto erreichbar ist. Das ist ein Aussichtspunkt oberhalb des Yosemite Valleys, von dem aus man einen spektakulären Ausblick über die ganze Szenerie da unten hat. Und ganz ehrlich, „spektakulär“ ist dabei noch eine Untertreibung. 

Es ist mein drittes Mal in Yosemite. Und wie jedes Mal macht mich dieses Tal, diese Szenerie, mit ihrer Mischung aus monumentalen Felsformationen und fantasyesker Landschaft sprachlos. Ich fahre in das Tal ein; auf El Capitan und den Wasserfällen reflektiert die Abendsonne und ja, ich bin zu Tränen gerührt. Ich drehe eine Runde durch das Tal und fahre dann zu besagtem Glacier Point, wo ich auch die Nacht verbringe. Wenn ich entscheiden müsste, was spektakulärer war: der Sonnenunter- oder aufgang … Ich könnte es nicht. Und so verlasse ich den Park am nächsten Tag einfach nur dankbar und erfüllt weiter Richtung Süden. 

So wie ich nach Yosemite hingekommen bin, so komme ich dort auch wieder weg: durch das kalifornische Hinterland. Mein heutiges Tagesziel ist Santa Barbara direkt an der Küste. Auf dem Weg dorthin nehme ich aber noch zwei echte Superlative mit; die beiden größten Bäume der Welt. Die liegen ziemlich tief in der Sierra Nevada und heißen General Grant (Platz Zwei) und General Sherman (der Boss). Jetzt ist Größe allerdings relativ. Denn beide sind weder die höchsten noch die ältesten noch die umfangreichsten Bäume. Ich stell mir das ein bisschen wie beim iPhone vor. Das ist auch in kaum einer Einzeldisziplin Spitzenreiter, aber in seiner Gesamtheit dann doch irgendwie die Messlatte für alle Smartphones. Und die beiden Kollegen hier sind halt die absoluten Baum-Babos, weil sie in der Gesamtheit ihrer Dimensionen die Größten sind.

Ich kenn die beiden allerdings schon. Mein jüngster Bruder und ich haben uns bei unserem ersten Roadtrip schon angemessen beeindruckt gezeigt, und so habe ich kein schlechtes Gewissen, als ich nach jeweils nur einem kurzen Fotostopp weiter Richtung Pazifik fahre. Es wird Abend und mit dem Abend kommt der Hunger. Ich habe noch von einer weiteren großen Fastfood-Kette einen Coupon: Pizza Hut. Zwei Stunden vor Santa Barbara biege ich vom Highway in ein kleines Nest ab und betrete die ortsansässige Filiale.

„Hi, wie gehts? Danke, dass du bei Pizza Hut einkehrst. Was kann ich dir heute Leckeres zubereiten?“
„Hallo, ich hab hier diesen Gutschein. Eine Pizza in Large mit drei Toppings für nen Zehner.“
„Sicher, kein Problem. Welche Toppings?“
„Pilze und Schinken.“
„Und?“
„Die beiden reichen. Danke.“
Sie schaut mich etwas schuldbewusst an. „Äh, es müssen drei sein, sonst komm ich im System nicht weiter.“
Ich frage mich, ob ich auf einer geheimen Mission unterwegs bin. So geheim, dass ich sie selbst nicht kenne. Die Mission, mit meiner westeuropäischen Logik das Kassensystem der hiesigen Fastfoodketten zu sprengen.
„Habt ihr Sauce Hollandaise?“ frage ich und ernte einen so empörten Blick, als hätte ich sie nach ihrer Telefonnummer gefragt. 

„Sorry, nein, wir haben keine Sauce Hollandaise.“ Sie spricht es so angewidert aus, dass kein Zweifel bleibt: Sie findet mich mindestens ebenso seltsam wie den Gedanken, eine schöne amerikanische Pfannenpizza mit Sauce Hollandaise zu verhunzen. „Wir haben alles, was auf der Karte steht“, fährt sie fort und deutet auf die riesige Leuchtreklame hinter ihr. Da steht aber nichts drauf, was für mich auf einer Pizza in Frage käme. Als sie mein immer hilfloser werdendes Gesicht sieht, kommt sie mir mit einem unerhört mutigen Vorschlag zur Hilfe: „Du kannst auch ein Topping doppelt nehmen.“
Dankbar schaue ich sie an und nicke. „Ja, okay. Das mach ich.“
Wir gucken uns eine Zeitlang an; sie scheint noch auf etwas zu warten. Dann fragt sie vorsichtig: „Pilze oder Schinken?“
Ich fühle mich mittlerweile in einer Szene gefangen, aus der mir nur noch die Flucht durch die Ladentür zu helfen scheint. „Äh, beides, wie gesagt.“
Sie schaut mich jetzt mit einer gehörigen Mischung aus Mitleid und Belustigung an. „Und was davon doppelt?“
Als ich eine Viertelstunde später mit meiner herrlich duftenden Pizza im Auto sitze, ist mein Gesicht immer noch so rot wie die Tomatensauce auf selbiger.

Auf dem Weg nach Santa Barbara lasse ich im wahrsten Sinne des Wortes Los Angeles links liegen. Ich komme ebenso beschämt wie gesättigt bei meinem Hostel an und packe meine Siebensachen für die Nacht zusammen. Die junge Frau am Tresen gibt mir eine Tour durchs Haus, die so ausführlich ausfällt, als vermute sie, ich wolle den ganzen Sommer dort verbringen. In meinem Zimmer für eine Nacht lasse ich mich aufs Bett fallen. Über mir summt der Ventilator, der nicht nur für einen kühlen Luftzug, sondern auch für das Licht im Zimmer sorgt. Allerdings ist das kaltweiße LED-Licht nicht im Geringsten gemütlich und so möchte ich es gerne ausschalten. Nur … ich finde keinen Lichtschalter. Das heißt, ich finde einen Lichtschalter, nämlich den an der Wand: Der schaltet zwar das Licht, aber gleichzeitig auch den Ventilator aus. Doch den wiederum würde ich sehr gerne laufen lassen, denn nach einer Minute in dem Zimmer ohne Ventilator fühle ich mich wie im Vabali und möchte schon fast mit einem freundlichen „Selamat Datang“ einen Aufguss initiieren. Das Fenster zu öffnen, ist auch keine Option, denn das Fliegengitter hat schon bessere Zeiten gesehen, vor allem welche, ohne Löcher.
Ich krieg das allein nicht gelöst, also beschließe ich, das Angebot der Frau am Tresen anzunehmen: „Wenn du irgendwas brauchst, eine Frage hast oder einfach nur was über die Umgebung wissen möchtest, zögere nicht, mich anzusprechen. Ich freue mich, dir bei allem zu helfen.“ 

Auf die Hilfe muss ich aber erst mal warten, denn sie sitzt nicht hinter dem Tresen. Ein Post-It verrät aber, dass sie gleich zurückkommt. Während ich warte, schaue ich mir mit einigem Interesse die große Schautafel an, auf der alle Mitarbeitenden des Hostels vorgestellt werden, nebst einem „Fun Fact“ zu jeder Person. Ich staune nicht schlecht, als ich erfahre, dass Corinne leidenschaftliche Line-Dancerin ist und erfolgreich an einem Guinness-Weltrekord teilgenommen hat. Das erklärt auch ihre ziemlich coolen Boots, in denen sie jetzt gerade wieder nach vorne kommt.
„Hey, alles in Ordnung?“
„Ja, wirklich. Tolles Zimmer. Ich hab nur eine Frage wegen des Ventilators.“
„Der Ventilator? Was ist mit dem Ventilator? Der müsste eigentlich funktionieren.“
„Ja ja, der funktioniert auch super. Aber ich würde gerne das Licht ausmachen.“
„Äh, dafür gibts einen Schalter direkt neben der Tür.“
„Ja, ich weiß. Aber der macht den Ventilator mit aus.“
Ihr Gesichtsausdruck hat ein bisschen Ähnlichkeit mit dem meiner McDonalds-Freunde vor ein paar Tagen. „Äh, ich hab grad keine Ahnung, worüber du da sprichst. Was dagegen, wenn ich mir das mal anschaue?“
Hab ich nicht und so macht sie einmal genau das, was ich auch bereits probiert habe: Sie legt den Lichtschalter um, das Licht geht aus, der Ventilator auch.
„Siehst du?“, sagt sie erfreut.
„Ja, aber jetzt ist der Ventilator auch aus. Und genau das ist mein Problem. Den brauch ich ja, das Licht nicht.“
Dieses Mal mache ich mich wenigstens nicht zum Affen. Ihr Gesicht zeigt Verstehen.  „Ah ja, ich verstehe. Ja, das ist blöd.“ 
Eine seltsame Stille kehrt ein. Ich warte darauf, dass sie noch etwas sagt, aber außer ihrem Verständnis hat sie offensichtlich nichts zur Situation beizutragen. 
Bevor die Pause unangenehm wird, sage ich: „Na ja, wie auch immer, ich werds schon überleben.“
„Alles klar“, sagt sie dankbar. „Wenn du noch irgendwas brauchst, zögere nicht, mich zu fragen.“

Ich mache mir erst mal ein selbst mitgebrachtes Bier auf und überlege, was nun zu tun ist. Der Elektriker in mir gibt sich noch nicht geschlagen. Vielleicht versuchen, die Glühlampe zu entfernen? Aber der Ventilator verrichtet seine Arbeit echt verdammt weit oben unter der Decke. Okay, also heißt die Lösung sich mit Insektenschutzmittel einzusprühen und dann bei offenem Fenster schlafen. Die Methode hat sich schon in Laos bewährt. Aber bevor es so weit ist, könnte ich mir noch eine Folge der Serie anschauen, die ich gerade gucke. Ich hab ja schließlich nicht nur einen Ventilator, sondern auch einen Beamer im Raum. Der hat sogar einen USB-Anschluss für meine Festplatte. Da schließe ich den Datenträger an, schnappe mir die Fernbedienung und mache es mir auf dem Bett bequem. Ich drücke die Powertaste auf der Fernbedienung und sitze im Dunkeln.

Vor Schreck lasse ich fast meine Bierdose ins Bett fallen. Ich drücke panisch noch einmal die Powertaste und das Licht geht wieder an, allerdings in Blau. Ich betrachte verdattert die Fernbedienung und es braucht ein paar Momente, bis der Penny fällt. Okay, den Beamer bekomme ich wirklich nicht zum Laufen, aber immerhin kann ich jetzt zwischen elf Lichtfarben und drei verschiedenen Lichtszenerien wählen. Und das Beste an diesem neugewonnen Licht-Luxus: Der Ventilator bleibt dabei die ganze Zeit an, selbst als ich das Licht ausschalte.  

Also diese glückliche Wendung kann ich auf keinen Fall meiner Line-Dance-Freundin vorenthalten und so stehe ich wenige Augenblicke später ganz aufgeregt erneut vor ihr.
„Äh, falls es dich interessiert, ich hab das mit dem Ventilator hinbekommen.“
„Was du nicht sagst. Wie denn?“
Ich präsentiere ihr meine Fernbedienung und sie ruft ganz entzückt: „Oh Mann, darauf hätte ich ja kommen können. Sorry dafür.“
„Kein Ding. Man kann sogar ganz viele Farben aussuchen.“
Das macht sie jetzt doch aufrichtig neugierig und sie kommt ein weiteres Mal mit zu meinem Zimmer. Offensichtlich habe ich zuletzt eine Lichtszene ausgewählt, bei der die Lichtfarbe nach einigen Sekunden automatisch umspringt, denn als ich die Tür öffne, erstrahlt das Zimmer in einem schummrig-gemütlichen Rot. 
„Oh, ich sehe“, sagt sie grinsend. „Jemand hat es sich gemütlich gemacht.“
„Äh, das war ich nicht, ich glaub das wechselt automatisch.“
„Klar, was auch immer“, antwortet sie noch breiter grinsend. „Dann mal gute Nacht, Fan-Boy.“ Und mit diesem wirklich sehr gelungenen Wortwitz lässt sie mich endgültig alleine.

Jetzt ist es aber zu spät für meine Folge. Morgen wartet das Death Valley auf mich. Dieses Tal und ich haben eine sehr bewegte Geschichte, aber das ist ein Kapitel für sich. Eigentlich sind es sogar mehrere.

Leider nur ein Übernachtungsstopp: Santa Barbara