Grand Wagoneer am Grand Canyon
Las Vegas liegt hinter mir.
Und zwar, ohne dass ich vorbeigeschaut hab. Ich bin sozusagen in den Vororten dran vorbeigeschlittert, als ich von Beatty kommend Richtung Norden nach Utah abbog. Ich mag Las Vegas nicht sonderlich. Ich war alleine und auch mit meinem jüngsten Bruder schon ein paarmal da, aber immer nur, um einen Mietwagen abzuholen oder abzugeben. Und natürlich haben wir uns auch kopfschüttelnd das ein oder andere Hotel mit seinen gigantischen Casinos angeschaut. Im Venetian zum Beispiel haben sie einfach im ersten Stock der Mall, die zum Hotel gehört, den Canale Grande inklusive Markusplatz und Rialto nachgebaut. Und ja, da fahren auch Gondeln durch den Kanal und die Gondolieres schmettern selbstbewusst wie ihre Kollegen aus Italien den staunenden Touristen „O Sole Mio“ entgegen.
la Dolce Vita in der Wüste
Auf der anderen Straßenseite, im Caesars Palace, fährt man mit einer Wendelrolltreppe die Stockwerke hoch und kann im Herzen der Mall einen gigantischen Brunnen mit allen griechischen Gottheiten bewundern. Und wenn man dann noch nicht genug hat, besteigt man im Paris einfach den Eiffelturm, der im Maßstab 1:2 nachgebaut wurde. Ausklingen lassen kann man die Tour d'Hotel dann bei dem Wasserspektakel vor dem Bellagio. Das ist aber wesentlich weniger spektakulär, als sein Ruf vermuten lässt.

Einmal durch Europa in einer Stunde
Das Problem an Las Vegas ist aber eigentlich gar nicht seine Gigantomanie, sondern eher der Ruf, den es hat, ohne ihm dann in der Realität gerecht zu werden. Das fängt schon mit dem weltberühmten Strip an. Den stellt man sich ja als glamourösen Boulevard vor, den man entlangschlendern und die ganzen Hotels bewundern kann. Von wegen. Das ist eine sechsspurige Straße, die mitten durch die Stadt schneidet. Und Bürgersteige, wenn man sie denn so nennen kann, sind nur rudimentär vorhanden. Teilweise existieren sie auf einer Straßenseite gar nicht, weil dort die Auffahrten zu den Hotels Vorrang haben und man muss über ein Geflecht aus Treppen, Rolltreppen und Unterführungen immer wieder von einer Seite zur anderen wechseln, wenn man denn wirklich den Strip entlanglaufen möchte. Das machen natürlich jede Menge Touristen, während die amerikanischen Autofahrer sie dabei spöttisch aus ihren Muscle-Cars, Sportwagen und Monster-Pickups beobachten.
Dazu kommt, dass die namhaften Hotels zwar alle am Strip liegen, aber jeweils mehrere Kilometer voneinander entfernt. Das sagt einem nämlich auch keiner, dass das verdammte Ding fast sieben Kilometer lang ist. Dann geht man da als nichtsahnender umweltbewusster Deutscher beim MGM unten los und denkt sich: „Och, jetzt ein bisschen an den schönen Hotels und Casinos vorbeispazieren, das könnte doch ganz nett werden.“ Aber nach zwei Kilometern, 14 Rolltreppen, acht Unterführungen und einer Wagenladung Abgase in der Lunge hat man gerade mal einen Blick auf das New York, New York werfen können. Und auf drei Pizza Huts, zwei McDonalds, sieben Betonflächen, die sich als Parkplatz ausgeben, ein heruntergekommenes Motel 6 und ein paar jämmerliche Palmen, die sich alle Mühe geben, nicht auch noch ihre letzten Blätter auf den Strip fallen zu lassen.

Die Wahrheit über den Strip
Das zweite Gerücht, dem wir aufgesessen sind, war, dass es auf dem Strip rund um die Uhr hoch hergeht. Als wir um 22 Uhr dort ankommen, erwartet uns in den Restaurants entlang des Strips nur ein gequältes Lächeln der Mitarbeitenden, als wir fragen, ob die Küche noch aufhat. Also bleibt uns nur, das Restaurant in unserem Hotel und Casino auszuprobieren. Immerhin haben wir beim Einchecken Gutscheine dafür bekommen. Aber die Aufmachung eben dieser hat uns abgeschreckt, doch jetzt müssen wir wohl oder übel in den sauren Apfel beißen. Als wir das Lokal betreten, zeigt Max auf drei Polizisten, die an einem Tisch sitzen und schlemmen, als gäbe es kein Morgen.
„Guck mal, wenn die extra hierher zum Essen kommen, kann es ja nicht so schlecht sein.“
Wir setzen uns an einen Tisch hinter den Sheriffs und sogleich steht eine junge Frau neben uns und schnarrt: „Hallo, ich bin Kylie und kümmer mich heute um euch. Wollt ihr nur was trinken oder auch was essen?“
„Äh, wir würden gern auch was essen, hat die Küche noch auf?“, frage ich.
„Klar, ich bring euch die Karte.“
Das fängt ja ganz okay an.
Der Blick ins Menü sagt mir jedoch, dass hier das Prinzip der Risikominimierung gelten muss. Was bedeutet: Mac and Cheese. Max ist da deutlich experimentierfreudiger und entscheidet sich für ein Clubsandwich. Dazu für jeden ein Guinness, unsere Laune steigt. Bis das Essen kommt. Meine Mac and Cheese entpuppen sich als Fusilli und Cheese, aber mit der Abweichung kann ich leben. Was Max da allerdings serviert bekommen hat, ist nicht mal mit sehr viel Fantasie als Clubsandwich zu identifizieren. Auf dem Teller liegn zwei traurige Lappen Weißbrot, zwischen denen ein noch traurigerer Fetzen – ja, „Was wird das sein?“, frage ich mich – klebt. Es könnte sein, dass das Bacon sein soll, aber von all den anderen leckeren Sachen, auf die man sich bei einem Clubsandwich freut, keine Spur. Nur das Weißbrot und der fettige Speck. Die ganze Sache sieht so spektakulär schlimm aus, dass ich mir jeden Scherz und sogar ein „Hättest du mal auf mich gehört!“ verkneife. Das Problem ist nur: Der Hunger ist groß, vor allem bei Max und so staune ich nicht schlecht, als er sich diesen fetttriefenden Versuch eines Clubsandwiches wirklich reinzwingt.
„Ist alles okay? Schmeckts euch?“, erkundigt sich Kylie völlig desinteressiert neben uns. Wir nicken nur apathisch und sie verschwindet wieder durch die Klapptüren, hinter denen wir so etwas wie eine Küche vermuten.
„Ganz ehrlich, ‚schmeckts euch?‘ Hätte nicht viel gefehlt, und ich hätte ihr mit dem Fettlappen eine runtergehauen“, empört Max sich.
„Na, die kann ja auch nix dafür“, versuche ich Kylie in Schutz zu nehmen.
„Zum Glück kostet das ‚Clubsandwich‘ ja nur 25 Dollar“, antwortet er.
Ich verschlucke mich fast. Ich dachte schon, ich hätte mit meinen 19 Dollar für die labbrigen Nudeln den Jackpot geknackt, aber 25 für ein Stück Fett … das ist amtlich. Doch dann kommt es ganz anders. Denn bei diesem Restaurant zahlt man am Ausgang. Und dort ist gerade zwischen einem wütenden Gast und einer verstörten Kassiererin eine hitzige Diskussion entbrannt. Es ist nicht schwer, sich auszumalen, worüber da gestritten wird. Wir nutzen jedenfalls die Ablenkung und schleichen wie zwei Ganoven aus dem Lokal ins Casino. Jetzt kann Max auch schon wieder grinsen. „Keinen Cent bekommen die von mir für das Fett“, feixt er.
An diese Geschichte muss ich denken, als ich auf der Interstate 15 Richtung Utah hochfahre. Jetzt werde ich aber von der Szenerie abgelenkt. Denn hier zwischen Mesquite in Arizona und St. George in Utah verläuft die Autobahn entlang des Virgin Rivers durch einen spektakulären Canyon. Normalerweise sind die Interstates ja unfassbar langweilig, aber hier und auf einem Abschnitt in Colorado gibts wirklich ordentlich was zu gucken. Während sich Fluss und Straße unten entlangschlängeln, steigen links und rechts gewaltige Felswände auf, teilweise mehrere hundert Meter hoch. Und nach dem Canyon fährt man in eine Marslandschaft, denn die Berge dort sind blutrot.
Wenn es nach meinem Ursprungsplan gegangen wäre, wäre ich jetzt auf dem Weg nach Süden zum Joshua-Tree-Nationalpark. Obwohl das eher ein sehr kleiner Park ist, gehört er für mich zu einem der schönsten. Die Joshua Trees, nach denen er benannt ist, sind so bizarr und anders als alles, was man so an Bäumen kennt, dass man sich dort immer ein bisschen fühlt wie nicht auf dieser Welt. Besonders spektakulär wird es, wenn die Sonne zwischen den Bäumen untergeht.
Joshua Tree Nationalpark
Relativ spontan aber habe ich mich dazu entschieden, den Grand Canyon doch in meine Route zu integrieren und dafür den Joshua-Tree-Nationalpark zu streichen. Diesen Entschluss habe ich ziemlich spontan in Santa Barbara getroffen. Und er hat eine lange Vorgeschichte.
Die mit dem ersten Besuch am Grand Canyon beginnt, bei dem auch Max mit am Start ist. Unser Ausflug führt uns zum North Rim, also der Nordseite der gewaltigen Schlucht, die sich über mehrere hundert Kilometer durch Arizona und Nevada zieht. Nicht, dass der Tag nicht schon spektakulär genug gewesen wäre. Den Sonnenaufgang haben wir am Bryce Canyon erlebt. Danach haben wir uns mal wie echte Touris verhalten und in Page eine Tour in den Antelope Canyon gebucht. Bevor es auf einem Pritschenwagen durch die heiße Wüstensonne losgeht, nutzen wir die Wartezeit, um uns bei Safeway noch Getränke zu besorgen. „Habt ihr eine Safeway Club Karte?“, fragt die Kassiererin und staunt nicht schlecht, als ich sie wie selbstverständlich zücke.
Max allerdings staunt noch mehr. „Du bist echt in Amerika angekommen, was?“
Beim Antelope angekommen werden wir im Canyon wie bei den Bundesjugendspielen von einer Station zur nächsten gehetzt. Hier noch schnell ein Foto, hier mal bitte nach oben schauen und hier gefälligst den Stein anfassen. Aber wir haben auch Glück: Der Pritschenwagen mit der Gruppe nach uns hat einen Platten und so können wir den Weg zurück durch den Canyon ohne Gegenverkehr zurücklegen und ein paar Fotos ohne Mitmenschen schießen, was zur Hauptsaison an ein Wunder grenzt.
Ein touristisches Wunder: der Antelope Canyon ohne Menschen
Die nächste Unternehmung ist ein Hubschrauberflug über den Horseshoe Bend bei Page und über den Glen Canyon. Mit einer spektakulären Zwischenlandung auf einem Mexican Hat mitten in der Wüste. Das Glück bleibt uns hold, denn wir sind die einzigen beiden Fluggäste und so können wir den Piloten zu ein paar besonders spektakulären Flugmanövern überreden.
Im Hubschrauber über den Horseshoe Bend und den Glen Canyon
Und jetzt stehen wir zum ersten Mal in unserem Leben am Grand Canyon und sind genauso überwältigt, wie wir es uns vorgestellt haben. Und ausnahmsweise auch mal sprachlos. Diese gewaltige Furche da mitten in der Erde, die sich in allen Richtungen am Horizont verliert, lässt einen wirklich einfach nur ehrfürchtig dastehen. Den Moment lassen wir einfach mal richtig lange andauern.
Einfach nur atemberaubend: Grand Canyon, North Rim
Aber nicht ewig, denn eine Sache fehlt noch. Im Internet habe ich von einem Aussichtspunkt ebenfalls am North Rim gelesen, der so entlegen und schwer erreichbar ist, dass man nur mit einem richtigen 4x4-Fahrzeug dorthinkommt. Und genau deswegen haben wir am Vortag in Las Vegas unseren Camaro gegen einen Jeep Wrangler getauscht. Der Exkursion an den Tuweep-Aussichtspunkt steht also nichts im Wege. Nur noch eine 100 Kilometer lange Schotterstraße hinter uns bringen und der Tag wird so spektakulär enden, wie er begann und verlief: mit dem Sonnenuntergang über dem Grand Canyon. So flitzen wir durch die Steppe, das Sonnendach abgebaut und laute Musik in den Ohren. Was kann da noch schiefgehen?
Der Jeep hat darauf eine simple Antwort, und die gibt er uns ganz nüchtern mittels des Reifendruckalarms. Der hintere Reifen auf der rechten Seite meldet einen Platten. Moment mal, was? Ein Jeep mit Offroadreifen lässt sich von einem einfachen Schottersteinchen wortwörtlich lahmlegen? Das können wir nicht glauben. Doch ein Blick nach dem Aussteigen bestätigt: Der Struggle is real. Zum Glück ist Max Autoverkäufer und lässt sich auch in der Wüste bei 35° nicht aus der Ruhe bringen. Und das Gute ist ja: Beim Wrangler klebt das Reserverad hinten auf der Kofferraumklappe. Also schnell die ganzen Utensilien für den Reifenwechsel auspacken und ran ans Werk, der Sonnenuntergang wartet schließlich nicht.
Während Max den Wagen mittels Wagenheber hochdreht, versuche ich mich auch nützlich zu machen. Also schaue ich mir das Reserverad an und versuche zu ergründen, wie man es abbaut. Scheint gar nicht so schwer zu sein. Bevor man das Rad allerdings vom Kofferraum abschrauben kann, muss man die Rückfahrkamera, die auf dem Reifen montiert ist, einfach mit einem Inbusschlüssel entfernen und dann … Moment, Inbusschlüssel? Ich habe in der Tasche mit dem Werkzeug kein solches Teil gesehen und auch nach genauerer Suche im gesamten Jeep stelle ich fest: kein Inbusschlüssel am Start. Jetzt werden wir doch etwas nervös, denn wenn wir die Kamera nicht abbekommen, bleibt das Reserverad, wo es ist, und wir, wo wir sind. Ich durchsuche meine gesamten Habseligkeiten, ob irgendwas passen könnte und kurz bevor Max so weit ist, die Kamera einfach abzutreten, probiere ich mein Handyladegerät. Das hat nämlich den für die USA passenden Stecker, dessen Kontakte wie zwei kleine Schraubendreher aussehen. Und tatsächlich, die Kamera lässt sich damit lösen. Zum Preis des Ladegerätes allerdings, denn die Steckerkontakte sind danach nicht mehr zu benutzen.
Reifenpanne in der Wüste. Kein Problem. Ist ja nicht das Death Valley.
Jetzt aber. Kamera runter, Reifen ab und wieder anmontieren, platten Reifen hinten raufbugsieren, die Kamera Kamera sein lassen und weiter gehts. Aber ein Blick in den Himmel verrät uns: Das wird eine knappe Kiste. Und so sehr Max auch seine Fahrkünste unter Beweis stellt, die letzten zehn Kilometer zum Aussichtspunkt sind pure Kletterei über Felsstufen und Abbruchkanten am Stein; nicht einmal Schrittgeschwindigkeit kommt da in Frage. Und so ist es stockduster, als wir ankommen. Nun ja, die Dunkelheit kam nicht plötzlich, sondern wie Dunkelheit nun mal so hereinbricht: langsam und allmählich. Aber wir hängen so verbissen an unserem Vorhaben, dass wir vor Wut und Enttäuschung einfach trotzdem bis zum bitteren Ende weiterfahren. Und das ist wirklich bitter, denn man sieht nicht einmal einen Meter weit in dieser absoluten Dunkelheit. So drehen wir um und machen uns, ohne ein Wort zu sagen, auf den Rückweg nach Las Vegas.
Dunkel wars, kein Mond schien helle
Kurz bevor wir von der Schotterstraße wieder auf den Highway abbiegen, nähert sich uns von hinten in halsbrecherischem Tempo ein Scheinwerferpaar. Uns wird ein wenig mulmig zumute. Erst recht, als eine Sirene aufheult und die Blau-Weiß-Rot-Lichter ihr Farbenspiel in die nächtliche Wüste werfen. Wir halten an und eine Stimme aus dem Lautsprecher des Polizeiwagens hinter uns befiehlt uns auszusteigen. Das machen wir sogleich und wie in einem schlechten Film werden wir durch einen grellen Suchscheinwerfer dermaßen geblendet, dass wir nicht mal unsere Hand vor den Augen erkennen, die wir uns genau dorthin halten. Die Tür geht quietschend auf und der Scheinwerfer wird etwas weggedreht. Ein Koloss von Mann mit einem Sheriffhut auf dem Kopf steigt aus und stellt sich doch tatsächlich breitbeinig und mit beiden Daumen im Gürtel neben seinen Pickup.
„Na Jungs, noch so spät unterwegs? Wo solls denn hingehen?“
„Vegas“, krächze ich. Die absurde und irgendwie auch beängstigende Situation hat mich doch ein wenig meiner Stimme beraubt.
„Vegas!“, wiederholt der Sheriff erstaunt. „Scheiße, das ist ja noch ein ganz schönes Stück. Hätt ich jetzt gar keinen Bock drauf, das sag ich euch ganz ehrlich. Ist scheiße weit. Locker noch vier Stunden oder so.“
Jetzt bin ich mir sicher, dass Max und ich direkt in einen Quentin-Tarantino-Film gebeamt wurden. Wo sonst halten Sheriffs einen in der Wüste an und sprechen dann auch noch so?
„Ja, wissen wir. Aber wir wechseln uns beim Fahren ab.“
Er nickt. „Sehr smart. Wo kommt ihr denn her, hier mitten in der Wüste und so?“
„Äh, wir waren am Tuweep-Aussichtspunkt.“
„Tuweep“, echot er. „Und wie fandet ihrs? Ist nicht ohne, da unten, nicht ohne.“
„War schon dunkel, als wir ankamen. Wir haben uns nicht aus dem Auto getraut“, gestehe ich ihm unsere Misere.
„Smart. Ihr seid echt smart, Jungs. Sollte man auch echt nicht machen im Dunkeln. Da gehts steil runter. Seeeeehr steil. Wenn man da runterfällt …“ Er spitzt seinen Mund und lässt wirklich und wahrhaftig einen langen Spuckefaden ganz langsam zu Boden tropfen, „ … dann ist man lange nach unten unterwegs. Ne halbe Meile oder so.“
Max und ich wissen nicht, was wir auf diese skurrile Demonstration von Schwerkraft erwidern sollen und bleiben still. „Wie auch immer, ich will euch nicht aufhalten, Jungs. Seht zu, dass ihr in euren Jeep einsteigt und nach Vegas kommt. Sichere Reise!“ Und damit steigt er in seinen Pickup und fährt eingehüllt in die obligatorische Stabuwolke an uns vorbei ins Dunkel.
Drei Jahre später sitze ich mit einem Guinness in der Hand an besagtem Abgrund und schaue runter auf den Colorado River, der sich tatsächlich einen Kilometer weiter unten durch den Grand Canyon windet. Und der ist hier ganz anders beschaffen als am North Rim. Kennt man den Grand Canyon sonst als sehr weite Schlucht, deren Gegenseite man mit bloßem Auge gar nicht sehen kann, ist er hier spektakulär eng und steil abfallend. Hier geht es wahrhaftig gerade runter, nicht so zerklüftet wie an den anderen, leichter zugänglichen Aussichtspunkten.
Der Sheriff hatte recht: Wenn man hier runterfällt, ist man wirklich sehr lange unterwegs.
Ich bin mit einem Jeep Gladiator hier. Am nächsten Tag will ich von Las Vegas aus zu meinem bisher längsten Roadtrip aufbrechen. Doch vorher wollte ich mich davon überzeugen, dass der Tuweep wirklich so spektakulär ist, wie es im Internet steht. Und ich stelle zwei Dinge fest: Erstens: Ja, er ist sogar noch spektakulärer und zweitens: deswegen muss ich mit Max noch einmal her und unsere Scharte vom letzten Mal auswetzen. Irgendwie fühlt es sich nicht ganz richtig an, hier alleine zu sitzen. Und ich sitze hier echt ganz alleine; außer mir ist niemand sonst da. Kein Camper, kein Wanderer, kein Verrückter. Was das Erlebnis noch unwirklicher wirken lässt. Ich trinke mein Bier aus und steige in meinen Jeep ein. Das dritte Mal wird das eigentliche Mal werden, verspreche ich mir.







Dämmerung am Grand Canyon: Tuweep
Außerdem habe ich für zwei Tage später einen Stellplatz im Grand Canyon Village gebucht. Das liegt am South Rim und ist für seine spektakulären Sonnenauf- und -untergänge bekannt. Und oh ja! Der Sonnenaufgang ist in der Tat eine fast religiöse Erfahrung. Wie die Sonne da langsam zwischen den Felsformationen des North Rims durchkommt und alles in Violett bis Orange färbt, ist ein Naturschauspiel, das mich einfach nur sprachlos und andächtig macht.




Sonnenaufgang und Ziege am Grand Cand Canyon: South Rim
Bis zum Sonnenuntergang kann ich nicht bleiben, deswegen hole ich den ein paar Monate später mit Max nach. Wir sind im März da und am Grand Canyon liegt Schnee. Das Schöne am South Rim ist, dass man ganz bequem einen Aussichtspunkt nach dem anderen anfahren kann und das tun wir auch und kommen mal wieder aus dem Staunen und Bewundern nicht raus. Unserer Begeisterung wird nur im wahrsten Sinne des Wortes eine Schranke vorgeschoben, als wir zu dem Aussichtspunkt fahren wollen, der für seine besonders schöne Aussicht auf den Sonnenuntergang bekannt ist. Doch der Weg dahin ist von besagter Schranke versperrt und kein Schild oder sonst ein Hinweis erklärt, was zu tun ist. Wir schauen uns an. Nur noch 30 Minuten bis zum Sonnenuntergang und nicht mal ein Parkplatz weit und breit. Allerdings führt direkt neben der Straße und somit auch neben der Schranke ein extrem breiter Gehweg entlang. Wir schauen uns erneut an, unsere Blicke sagen: „Denkst du, was ich denke?“ und, schwups, zirkelt Max gekonnt über den Gehweg um die Schranke herum und wir grinsen über die Dummheit der Parkverwaltung, als wir die Straße weiter entlang in Richtung Sonnenuntergang fahren.
Vor uns schleicht auf einmal ein kleiner Kombi die Straße entlang und Max überholt ihn zügig, wird aber von einem Hupkonzert und Scheinwerferfeuerwerk aus dem Konzept gebracht. Ich auch. Im Rückspiegel erkennen wir, dass es sich um einen Parkranger handelt. Max bremst und bleibt stehen, denn wie sollte man hier in dieser Sackgasse auch einem wütenden Ranger entkommen? Der kommt hinter uns zum Stehen und springt wirklich extrem wütend aus seinem Auto und rennt zu uns.
„Könnt ihr mir mal verraten, was ihr hier glaubt zu tun?“ schreit er uns durch das heruntergelassene Fenster an.
„Äh, wir wollen zum Sunset-Aussichtspunkt“, antworte ich.
„Hier gilt ein 30er Sppedlimit!“, brüllt er. „Um diese Zeit laufen Elche und Bären über die Straße und ihr rast hier mit eurem Super-Heavy-SUV durch die Gegend wie zwei hirnlose Vollidioten.“ Da können wir nur betreten zu Boden schauen. „Und überhaupt“, ereifert er sich weiter. „Wie seid ihr überhaupt an der Schranke vorbeigekommen? Wer hat euch den Zahlencode verraten? Der ist nur für uns Ranger und für die Shuttle-Busse.“
„Schranke …“, sage ich nur kläglich. Max betrachtet weiter das Gaspedal, das uns in solch eine Bredouille gebracht hat.
„Ihr dreht jetzt sofort um und verschwindet hier!“, befiehlt er uns, immer noch sehr aufgebracht. „Ich fahre hinter euch her und wehe ihr seid nur eine Meile schneller als 30.“
Und so kommt es, dass wir ein zweites Mal im Dunkeln einen Aussichtspunkt am Grand Canyon erreichen. Denn als wir endlich legal parken und zum Aussichtspunkt laufen können, hat die Sonne sich längst in ihren verdienten Feierabend verabschiedet.






Grand Canyon mit Schnee: South Rim
Zwei Jahre später ist es dann so weit. Wieder sind Max und ich mit einem Wrangler unterwegs und der hat in Utahs Canyonlands-Nationalpark unter Beweis gestellt, dass er mit Recht an der Spitze der Offroad-Fahrzeuge steht. Keine Felskante und kein Schottersteinchen hat uns aus der Bahn geworfen und auch auf dem Weg zum Tuweep-Aussichtspunkt läuft alles glatt. Die Ranger am Tor vor den letzten besagten sehr holperigen zehn Kilometern erzählen uns, dass wir die einzigen Leute am Aussichtspunkt sein werden. Und sie erklären uns, dass wir nur etwa anderthalb Stunden Zeit hätten, da sie eine halbe Stunde nach Sonnenuntergang das Tor schließen müssten. Am Abgrund angekommen, weiß ich nicht, was ich spektakulärer finde: den Grand Canyon oder die Tatsache, dass Max wie eine Bergziege an den Klippen entlangklettert, mit nichts an den Füßen als verdammte Adiletten. Wir trinken unser Bier und genießen den Augenblick. Was sonst gibt es an einem solchen Ort auch zu tun?
Endlich Bier zu zweit am Grand Canyon: Tuweep
Auf unserem Rückweg schnacken wir noch ein bisschen mit den Rangern. Als wir gerade loswollen, schießt mir noch ein Gedanke durch den Kopf.
„Meint ihr eigentlich, man kann die zehn Kilometer auch mit einem anderen Auto als einem Wrangler schaffen?“, frage ich sie.
„Was meinst du? Mit einem Toyota Corolla würde ich es jedenfalls nicht versuchen“, antwortet der eine.
„Ich denke eher an einen Fullsize-SUV“, präzisiere ich. „Wenn ich Roadtrips mache, miete ich immer solche, damit ich hinten drin schlafen kann. Und es wäre doch echt richtig krass, in einem solchen Wagen mal direkt hier am Tuweep zu übernachten.“
„Ich glaub schon, dass das möglich ist“, sagt der andere. „Es muss gar nicht unbedingt ein 4x4 sein. Es geht eher um die Bodenfreiheit. Ich weiß nicht, ob normale SUVs da reichen, aber ich würds nicht ausschließen.“
Da hat er mir etwas zum Nachdenken mitgegeben.
Und dieses Nachdenken findet exakt ein Jahr später in Santa Barbara seinen Abschluss. Irgendwie komme ich zu dem Schluss, dass es kein Zufall sein kann, dass Mohamed und ich da in Seattle was ausgehandelt haben. Ich fahre dank meines Alamo-Freunds ja nicht irgendein Fullsize-SUV, sondern einen Grand Wagoneer L, den man auf Knopfdruck bis zu zehn Zentimeter anheben kann.
Und mit dieser Bodenfreiheit stehe ich jetzt am Tor der Ranger. Ein älteres Ehepaar erklärt mir, dass sie die Eltern der beiden Männer sind, die wir letztes Jahr hier kennengelernt haben. Die seien gerade in der Stadt und deswegen übernähmen sie hier mal ein paar Tage. Ich zeige meinen Jahrespass für die Nationalparks und meine spontan gebuchte Campingerlaubnis vor und schon schaukle ich meinen Wagoneer über die Fels- und Buckelpiste zum Aussichtspunkt. Ohne aufzusetzen schaffe ich es tatsächlich bis direkt zum Parkplatz an der Schlucht und kann mein Glück kaum fassen.
Ich schnappe mir ein kühles Guinness aus meinem Luxus-Kühlschrank und will mich gerade an die Kante begeben, als ich ein Motorengeräusch höre. Da arbeitet sich doch tatsächlich ein Wrangler den Schotterweg entlang und kommt unweit von mir zum Stehen. Eine ältere Frau steigt aus und schaut mich überrascht an.
„Hey ya, da ist ja noch so ein Verrückter wie ich“, begrüßt sie mich.
„Hi!“, sage ich. „Wie gehts?“
„Na, wie kanns an einem an solche einem Ort gehen?“, lacht sie. Und erzählt mir, dass sie, seitdem sie in Rente ist, mit ihrem Wrangler an die entlegensten Orte fährt, um dort die Sterne und die Milchstraße zu fotografieren. „Aber ich hab immer Starlink mit dabei“, erklärt sie. „Meine Tochter hat keine ruhige Minute, wenn ich mich abends nicht melde und ihr sage, dass alles okay ist.“ Dann schaut sie auf meinen Wagen und sagt: „Respekt. Ich hätte nicht gedacht, dass man es mit so einem Schiff hierher schafft.“
„Ist auch ein Jeep“, antworte ich. „Ich war aber auch nicht ganz sicher. Aber es hat ja geklappt. Wenn du später ein kühles Bier willst – das Schiff hat sogar einen Kühlschrank.“
„Na, hör sich das einer an“, sagt sie grinsend. „Lass mich nur meine Fotoausrüstung aufbauen und dann weiß ich ja, wo ich dich finde.“
Ich setze mich mit meinem Bier an die Kante und bin wie jedes Mal am Grand Canyon überwältigt. Die Dämmerung färbt die Felsen rot und violett und von ganz weit unten hört man den Colorado River rauschen. Ich vergesse die Zeit und als es sehr viel später schon richtig dunkel wird, schreckt mich auf einmal das Anlassen eines Motors auf. Der Wrangler setzt zurück, wendet und verschwindet die Schotterpiste wieder hinauf. Ehrlich gesagt wundere ich mich nicht einmal. Eines habe ich mittlerweile über amerikanische Verabschiedungsfloskeln gelernt: Was sich für uns anhört wie der Start für ein längeres Fortsetzungsprogramm, ist hier nur das höfliche Beenden einer zwanglosen Konversation. Das obligatorische „See you later“ ist dafür das beste Beispiel. Wobei ich mir manchmal versuche vorzustellen, wie das wohl wäre, wenn die Uber-Fahrerin, der Tankwart oder die Barista bei Starbucks tatsächlich ein paar Stunden nach unserer Transaktion bei mir auf der Matte stünden.
Also gehört die Nacht am Tuweep ganz allein mir. Ich liege in meinem Grand Wagoneer am Grand Canyon und schaue durch das Dachfenster in den Sternenhimmel über mir. Es ist so unfassbar dunkel, dass man wirklich das weiße Band der Milchstraße klar und deutlich erkennen kann. Getoppt wird die Nacht nur noch vom Sonnenaufgang.
Grand Wagoneer am Grand Canyon: Tuweep
Als ich etwas später am Haus der Ranger vorbeikomme, sehe ich den Vater die Schotterstraße entlangspazieren. Ich komme neben ihm zum Halten und wir unterhalten uns kurz noch etwas. Er ist sehr beeindruckt von meinem Vorhaben, den gesamten Kontinent zu bereisen, und klopft gegen die Tür vom Jeep.
„Das richtige Auto dafür hast du ja. Wenn du es damit hierher geschafft hast, schaffst du es überall hin.“
„Ich hoffe es“, lache ich.
Er schaut mich durchdringend an. „Und tu mir einen Gefallen, Junge. Behalt dir dieses Lächeln bei, das du gerade auf deinem Gesicht trägst. Wenn mal was nicht so läuft, wie du es dir vorstellst, denk hieran zurück.“
Ich kann nur ganz ergriffen nicken. „Versprochen!“, krächze ich mit belegter Stimme.
Und dann haut er wie im Film ein paarmal gegen das Blech und winkt mir hinterher.