Halt die Klappe und nimm mein Geld
„10 Dollar?“
Ich schaue Muhamed argwöhnisch an. Doch der schaut nur mit einem entwaffnenden Lächeln zurück und nickt stürmisch.
„Ich nehm dich nicht auf den Arm, ernsthaft Bro. 10 Dollar am Tag mehr und du fährst hier mit der absoluten Traumkarre vom Hof.“
„Brutto oder netto?“ Ich suche immer noch nach dem Haken.
Nach einem wirklich sehr erholsamen Schlaf von Big Island hierher nach Seattle stehe ich am Schalter von Alamo, der Mietwagenfirma meines Vertrauens in den USA. Nachdem ich wirklich in Minutenschnelle meinen Koffer vom Gepäckband in Empfang nehmen konnte, gehe ich zur Bushaltestelle, von der aus man zum Mietwagenterminal gebracht wird. Ja, in Amerika sind das eigene Terminals. Ein kleiner Bus steht dort einsam rum und direkt davor ist mit einigen Absperrgittern eine lange Warteschlangen-Linie aufgebaut worden. Ein großes Schild sagt: „Hier rein, wenn du zum Mietwagenterminal willst.“ Und ein verdammt großer Pfeil zeigt auf den Eingang in dieses Geländergewirr. Ich schaue auf den Bus, den man auch an den Geländern vorbei ganz ohne diese körperliche Ertüchtigung erreichen könnte, dann auf die sich hin und her windende Warteschlangenlinie, die bis auf meine Person wirklich absolut verlassen ist, und dann wieder auf das Schild. Dann erinnere ich mich an die Szene bei Starbucks in LA und mache mich resigniert auf den Weg entlang der Geländer. Dabei freue ich mich bei jeder 180-Grad-Wende, dass mein Koffer wie nicht für diesen engen Wartegang gemacht zu sein scheint. Immer wieder bleibt er hängen und reißt mir fast den Arm aus dem Schultergelenk. Man kennt das ja sonst nur vor der Sicherheitskontrolle an Flughäfen. Da kann man auch gerne mal den einen oder anderen Kilometer erlaufen, weil diese Labyrinthe aus Geländern und Gurten kein Erbarmen kennen. Ganz so schlimm ist es hier nicht und schließlich stehe ich an der Vordertür des Busses, die sich quietschend öffnet.
Der Busfahrer nickt mir zu. „Junge, das war ja ein ganz schöner Weg, den du da zurückgelegt hast.“
„Na ja, das Schild sagt, hier rein.“
„Wenn Leute da sind, macht das auch absolut Sinn“, antwortet er und guckt bedeutungsvoll auf die wirklich komplett leere Warteschlangenvorrichtung. Wir schauen beide eine Zeit lang still aus der Tür. Das mit dem Protokoll ist wohl doch etwas dehnbarer, als die beiden Damen in Los Angeles mich glauben machen wollten.
„Wie auch immer“, beendet er meinen Gedankengang. „Welche Company?“
Und so stehe ich jetzt hier am Alamo-Schalter. Der extrem freundliche und mitteilsame Mitarbeiter schiebt mir gleich als erstes seine Karte über den Tresen und so kenne ich nun seinen Namen: Muhamed.
Und Muhamed möchte mir für einen Zehner am Tag die absolute Speerspitze seines Fuhrparks mitgeben. Oder wie mein jüngster Bruder sagen würde: Ich könnte jetzt nach ganz oben ins Regal greifen.
Dazu muss man wissen, dass es bei der Fahrzeugkategorie, die hier gerade zur Debatte steht, vier Unterteilungen gibt. Ganz generell ist das Auto, das ich bisher auf solchen Roadtrips gefahren bin, ein sogenannter Fullsize-SUV. Wir kennen die nicht, die waren nie in Europa. Man stelle sich den größten und dicksten SUV von BMW oder Mercedes vor, bockt den noch mal 10 Zentimeter auf und macht ihn einen Meter länger, dann hat man in etwa die richtigen Dimensionen. Diese Fullsize-SUVs gibt es in vier Ausführungen: Standard und Standard extralang, Luxus und Luxus extralang. Gebucht habe ich Standard. Nämlich mein Lieblingsauto, den Jeep Wagoneer. Wobei Standard hier sehr relativ ist, denn auch die Standard-Version ist bereits unfassbar groß und ebenso luxuriös. Aber was mir mein Freund Muhamed nun anbietet, ist der Grand Wagoneer, also die Luxusvariante. Zwei Klassen über meiner gebuchten für nur 10 Dollar am Tag mehr. Und als ich endlich wage, an mein Glück zu glauben, denn dieses Auto, das dann für die nächsten drei Monate nicht nur mein Fortbewegungsmittel, sondern auch mein Zuhause sein wird, würde normalerweise locker das Doppelte von dem kosten, was ich jetzt insgesamt zu zahlen habe. Ein klassischer Fall von „Shut up and take my money“, wobei ich zugeben muss, dass sich das auf Englisch deutlich kumpelhafter anhört als „Halt dein Maul und nimm meine Kohle.“
In Ohnmacht falle ich dann fast, als der Wagen vorgefahren wird. Denn nicht nur, dass es der Grand Wagoneer ist, es ist der Grand Wagoneer L, also die extralange Version und damit nun wirklich die absolute Königsklasse. Darüber kommt nichts mehr. Aber damit nicht genug, der Wagen kommt in der von Jeep teuersten Ausstattungslinie, die nur möglich ist: Obsidian. Vor mir steht ein dunkles Riesenmonster mit abgedunkelten Scheiben und allen Chromteilen in glänzendem Schwarz. Ich zähle mich nun wirklich nicht zu den Exemplaren meines Geschlechts, die sich über die Ausführung des Wagens definieren, den sie gerade durch die Gegend bewegen. Aber dass mir bei der Entgegennahme des Schlüssels nicht die Kinnlade runterklappt und der Sabber ungebremst aus den Mundwinkeln läuft, ist reine Körperbeherrschung.
Der Jeep Grand Wagoneer L Obsidian
Ich richte mich grob ein, Ladekabel, GoPro-Halterung, Handyhalterung etc. und mache mich vom Acker, bevor der Chef von Muhamed noch bemerkt, was da gelaufen ist und mich in den schäbigen Wagoneer verfrachtet, in den ich eigentlich gehöre.
Jetzt erst mal zu Walmart. Denn nicht nur brauche ich noch einiges an Verpflegung für den anstehenden Roadtrip; bei aller Packkunst hat es eine Matratze dann doch nicht in meinen Koffer geschafft. Eine Stunde und mindestens drei im Walmart gelaufene Kilometern später, öffne ich die Heckklappe meines Schiffs und lege die Sitze der zweiten und dritten Reihe um. Und bemerke jetzt erst, dass der Grand Wagoneer seinem Standard-Bruder ein Ausstattungsmerkmal voraus hat, das mich vor einige Probleme stellt: eine veritable Mittelkonsole zwischen den beiden Sitzen in der zweiten Reihe. Und das bedeutet: Man kann zwar die Sitze umlegen, aber dazwischen bleibt die turmhohe und ebenso breite Konsole stehen wie ein Fels in der Brandung. Genau dort sollte aber meine Matratze enden. Und als ich sie aus ihrem Karton befreie und sich entfalten lasse, wird auch sofort klar, dass nicht daran zu denken ist, sie am oberen Ende zwischen Sitz und Konsole zu quetschen. Sie ist so breit, dass sie der Länge nach die Hälfte des Kofferraums einnimmt.
Ich schaue ziemlich ratlos auf dieses Dilemma. Also dass ich in diesem Auto, das sich platztechnisch locker mit meinem Schlafzimmer messen könnte, ein Platzproblem bekommen könnte, ist an Ironie kaum zu überbieten. Im tatsächlichen Wortsinne ein Luxusproblem. Aber hilft ja nix, die Matratze muss da irgendwie rein. Da muss ich jetzt mit aller Radikalität ran. Ein Freund aus Hannover hat mir für alle Fälle sein Leatherman als Leihgabe mitgegeben, ein Erbstück seines Vaters. Und genau dieses Tool kommt jetzt zum Einsatz. Vor meinem geistigen Auge hatte ich mich damit allerdings eher Brennholz im Yukon sägen gesehen. Stattdessen sitze ich in Seattle bei Walmart auf dem Parkplatz im Kofferraum meines Luxusliners und nage mich mit der 5-Zentimeterklinge durch meine 20 Zentimeter dicke Matratze und ringe ihr so nach und nach einen ordentlichen Streifen ab. Dabei laufen immer wieder Kunden an meiner offenen Heckklappe vorbei, werfen einen interessierten Blick auf mein Tun und quittieren es mit einem lässigen „How’s it going“, als sei mein Schaumstoff-Massaker die normalste Sache der Welt.
Wie man sich bettet ...
Als das endlich getan ist und ich zufrieden auf mein gemachtes Bett schaue, richte ich den Rest ein. Die Funktionen eines Kleiderschranks übernimmt mein großer Koffer, meine Vorratskammer baue ich aus zwei ausklappbaren, aus Deutschland mitgebrachten Transportboxen. Mein mobiler Kühlschrank, ebenfalls bei Walmart erworben, kommt in den Fußraum des nicht mitfahrenden Beifahrers. Ja, diese Autos haben sogar eine richtig echte Steckdose, sodass man daran ein solches Gerät betreiben kann. Und dann kann es auch schon losgehen.
Auf dem Weg aus Seattle nehme ich noch pflichtschuldig die Space Needle als Fotomotiv mit und dann sehe ich zu, dass ich endlich ins Fahren komme. Ich bin noch nicht ganz aus der Stadt raus, da wird mir noch mehr klar, was ich da eigentlich an die Hand und unter den Hintern bekommen habe. Zum einen stellt sich heraus, dass ich mir den mobilen Kühlschrank hätte sparen können. Denn in der Mittelkonsole zwischen Fahrer und Beifahrer ist ein Kühlschrank eingelassen, ja, ein Kühlschrank. Nicht so ein Fach, in das die Klimaanlage kalte Luft bläst, nein, ein echter Kühlschrank. Das wird sich während der Reise noch als eines der wichtigsten Ausstattungsmerkmale herausstellen. Getoppt nur von der unfassbar guten Anlage, die in der Karre verbaut ist. 23 Lautsprecher sind im ganzen Auto verteilt und zaubern einen so unfassbar traumhaften Klang in den mobilen Raum, dass mir wirklich und wahrhaftig die Tränen kommen. Das also ist jetzt das Auto, mit dem ich meinen Lebenstraum erfüllen werde.
Und während ich Seattle in Richtung Idaho hinter mir lasse, nicht ohne ungläubig über die Massagefunktion meines Sitzes zu "stolpern", nehme ich mir fest vor, Muhamed bei meiner Rezension der Alamo-Filiale das Lob zukommen zu lassen, das er sich wirklich verdient hat. Danke mein Freund, du hast meine Reise im wahrsten Sinne des Wortes um einige Klassen angehoben.