Überraschung Idaho

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Überraschung Idaho
Camas Prairie im Zentrum Idahos

Vollbremsung, spontan rechts antäuschen und dann einen gewagten U-Turn hinlegen. Ich bin noch keine 100 Kilometer aus Seattle raus und schon werde ich ausgebremst. Nur um ganz sicherzugehen, dass ich mich im flotten Vorbeifahren nicht verlesen habe, halte ich am Straßenrand und werfe einen Blick auf das gigantische Schild, welches genau gegenüber am anderen Straßenrand aufgebaut wurde. Da stehts geschrieben, kein Zweifel möglich: „Straße gesperrt in 60 Meilen“. Dass ich das lese, hat wie so oft eine gute und eine weniger gute Seite

Gut ist, dass ich bereits jetzt erfahre, dass die Straße gesperrt ist, und nicht erst in 60 Meilen, was in etwa 100 Kilometer sind. Schlecht ist, dass ich für diese Straße extra aus Seattle kommend über eine Stunde nach Norden gefahren bin. Wenn man nach Osten von Washington State und weiter nach Idaho will, dann ist der Highway 20 die landschaftlich deutlich reizvollere Alternative zur Interstate weiter südlich. Er führt mitten durch die Berge im Norden des Bundesstaates und vorbei an dem wunderschönen Städtchen Diablo. Ja, das heißt nun mal so. Aber wies aussieht, werde ich Diablo heute keinen Besuch abstatten, denn direkt dahinter ist ja die Straße gesperrt. Jetzt steh ich hier also im absoluten Norden der USA, kann quasi den kanadischen Nachbarn über die Grenze hinweg zuwinken und suche nach Alternativen.

So ärgerlich es ist, wieder ein gehöriges Stück Richtung Süden zu fahren, bevor es dann endlich nach Osten geht, so sehr ist die Planänderung doch ein echter Glücksgriff. Schneller als gedacht lande ich im richtig echten amerikanischen Hinterland. Und als ich bei einbrechender Dunkelheit an meinem Zielort mit dem wohlklingenden Namen Coeur d’Alene in Idaho ankomme, habe ich schon die ersten Fotos und GoPro-Videos von spektakulären Landschaften in der Tasche.

Kaum falle ich im Hotel aufs Bett, macht sich bemerkbar, dass ich auf dem Flug nach Seattle eben doch nur viereinhalb Stunden leichten Schlaf bekommen habe. Die 900 Kilometer von Seattle hierher fordern auch ihren Tribut und ich schaffe es gerade noch, das Nicht-Stören-Schild von außen an die Klinke zu hängen, nicht ohne den schönen Spruch zu bewundern, der darauf geschrieben steht: „Was auch immer der Tag bringen wird, es kann noch ein bisschen warten.“

Am nächsten Tag wartet als erstes ein Frühstück auf mich, das für diese Economy-Hotelketten typisch ist. Bagel und Weißbrot zum Toasten, Marmelade und Erdnussbutter und natürlich die obligatorischen Pancakes. Dazu steht sogar eigens eine Maschine bereit, die eine Mischung aus einem gigantischen Toaster und einem Transformer zu sein scheint. Durch ein Fensterchen kann man sehen, wie der Teig auf eine Art Laufband tropft und dann irgendwie gebacken wird. Dann fällt er rechts aus der Maschine auf den bereitgestellten Pappteller. 

Während ich diesem Schauspiel meine Aufmerksamkeit widme, macht sich neben mir ein älterer Herr an der Mikrowelle zu schaffen. Es dauert nicht lange und mir steigt ein sehr verführerischer Duft in die Nase. Ich schaue rüber und gerade holt der Mitgast einen ziemlich ordentlich aussehenden Frühstücksburger aus der Mikrowelle. Potzblitz, da liegen tatsächlich fein säuberlich eingepackte Burger mit Ei und „Sausage“ . Das ist bei Frühstücksburgern allerdings mitnichten eine Wurst, sondern wie bei allen anderen Burgern auch eine Frikadelle. Die schmeckt allerdings anders als normale Pattys. Die hier ist frühstückiger gewürzt. Ich entpacke den Fertigburger und versuche dem Verpackungspapier zu entnehmen, wie lange man denn nun dieses Wunderwerk der amerikanischen Fertigküche zu erhitzen hat.

„Die haben mir gesagt, man soll genau eine Minute einstellen“, ertönt eine tiefe, sonore Stimme hinter mir. Ich zucke zusammen und schaue auf den Mann in meinem Rücken. Es ist der Gast, von dem ich mir das hier alles abgeguckt habe. Ich drücke die Taste für eine Minute und die Mikrowelle legt los. Ich möchte mich gerade bedanken, da fährt er fort:
„Aber das ist viel zu heiß. Ehrlich Mann, lass das Teil eine Minute da drin und du verbrennst dir dein verdammtes Maul.“
„Äh, wie lange wäre denn verträglich für … mein Maul?“ frage ich.
Er zeigt auf die Taste mit der Aufschrift „45 sec“. 

Es ist echt toll, was das Gerät alles für Tasten hat. 30 Sekunden, 45 Sekunden, 1 Minute, und das geht weiter bis zu drei Minuten. Für alles eine eigene Taste. Was aber nicht vorhanden ist, ist eine Zeitanzeige. Und eine Stopptaste kann ich auch nicht entdecken. Die Tür ist überdies amtlich verriegelt, das steht fest. Diese Maschine bringt nichts davon ab, die ausgewählte Zeit durchzuziehen. Als es dann klingelt, lege ich den wirklich sehr heißen Burger auf meinen Pappteller neben die bereits wartenden Pancakes. Ich nehme das obere Brötchen ab und hoffe, dass er so etwas schneller abkühlt.

Der hilfsbereite Hotelgast ist Teil eines Duos, das amerikanischer nicht aussehen könnte. Wir kommen ins Gespräch und ich ernte für meinen Plan, alle Bundesstaaten zu bereisen, ein anerkennendes Nicken und Brummen. Dann erfahre ich, dass die beiden im Pickup unterwegs nach Montana sind.
„Na gut, also ich bringe ihn hier“, der Burgerberater zeigt auf seinen Mitreisenden, „nach Montana. Gott alleine weiß, was er da will. Er ist mein Schwager, und jetzt, wo er alleine ist, will er raus aus Washington.“
„Ach?“, ich schaue interessiert auf den anderen und bin tatsächlich ein bisschen gespannt auf seine Geschichte. Die kommt aber nicht. Auch keine Erklärung, welche Vorzüge Montana gegenüber Washington zu bieten hat. Er klopft nur liebevoll seiner Hündin auf den Kopf. Die sitzt zwar neben ihm, ist in den letzten paar Minuten aber immer ein kleines bisschen mehr in Richtung meines Tisches gerutscht. Ihr Blick ist dabei sehr interessiert auf meinen abkühlenden Burger gerichtet.

„Ich fahre dann weiter nach Hause. Ich wohn in Colorado.“
„Ah“, sage ich, „Montana streife ich nur so ein bisschen, aber in Colorado werde ich auch zweimal übernachten.“
„Was du nicht sagst. Wo denn?“
„Aspen und Boulder.“
Er macht einen Laut, bei dem nicht ganz klar ist, ob er Belustigung, Verärgerung oder beides ausdrücken soll. Er steht auf und sagt immerhin noch: „Genieß deinen Trip, hört sich nach einem epischen Abenteuer an.“ Dann verschwinden die beiden aus dem Speisesaal. Ein paar Momente später brüllt vor dem Fenster ein Motor auf, der sich mehr nach dem eines gigantischen Monstertrucks als dem eines Pickups anhört. Sogar mein Instantkaffee erschreckt sich und schlägt leichte Wellen in seinem Pappbecher. Ich frage mich, welcher der beiden Orte, an denen ich in Colorado zu nächtigen gedenke, ihn mehr verärgert hat. Aspen, das Zentrum der Reichen, die ihren Reichtum in Form von seltsamen Prunkbauten zur Schau stellen. Oder Boulder, das eines der Zentren der intellektuellen Elite darstellt. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb gilt die Stadt laut National Geographic-Gallup Index als die mit der höchsten Lebenszufriedenheit in den Staaten.  

Während ich mich meinem Burger widme, der erstaunlich gut schmeckt, fällt mir ein kleiner Schriftzug auf meinem Pappteller ins Auge: „Kompostierbar, außer in Kalifornien.“ Das wirft eine Menge Fragen auf. Wird der Teller in Kalifornien nicht kompostiert, sondern schnöde weggeworfen? Wenn letzteres, kommt er wenigstens in den Recycling-Müll? Oder ist das Benutzen von beschichteten Papptellern in Kalifornien etwa ganz verboten?
Ich fühle mich abreisebereit und bringe meinen Pappteller und seinen Gefährten, das Plastikmesser, zum Müll. Obwohl wir nicht in Kalifornien, sondern in Idaho sind, sehe ich keinen Kompost-Eimer. Also wandert der Teller dorthin, wo er wohl auch in Kalifornien landen würde: in den stinknormalen Müll.

Und dann sitze ich wieder im Auto und beginne meine zweite Etappe. Das Bett war echt richtig bequem und ich verlasse Coeur d’Alene ausgeschlafen und bei allerbestem Wetter. Meine Route führt mich aus dem sogenannten Panhandle, also dem „Pfannengriff“, in den Süden von Idaho. Irgendwie haben etliche Bundesstaaten so einen Pfannengriff. Man könnte sagen, es handelt sich um das schmale Anhängsel eines Bundesstaates. Meine persönliche Meinung ist ja, dass die sich das von Alaska abgeschaut haben. Der Bundesstaat sieht auch wirklich wie eine Pfanne aus, mit seinem riesigen Hauptteil da oben im Norden und dem langen Streifen, der an Kanada vorbei nach schräg unten weggeht. Texas, Oklahoma und Idaho und all die anderen hingegen sehen nicht annähernd so pfannenmäßig aus. Das sind so Gedanken, die mich beschäftigen, während ich über die traumhaft schöne Landschaft staune. 

Nein, im Ernst, Idaho überrascht mich wirklich sehr. Im Norden führt mich meine Route durch endlose Pinienwälder und immer wieder in die Berge hinein, im Süden fahre ich dann in monumentalen Flusstälern entlang der Bergketten, die auf beiden Seiten der Flüsse emporwachsen. Ein besonders beeindruckender Abschnitt führt über hundert Kilometer am Salmon River entlang.

Mein Ziel für diesen Abend liegt aber bereits in Oregon. Ein kleiner Campingplatz mitten in den Owyhee Mountains. Die sind nicht so bekannt wie einige andere Gebirgsketten in der Gegend, aber trotzdem auch ziemlich beeindruckend. Um an den besagten Campingplatz zu kommen, fährt man 90 Minuten lang eine Schotterstraße, die auch eine Sackgasse ist, ganz bis zu ihrem Ende. Am Ende geht es durch einen engen Canyon. Hier ragen aus den eigentlich sanften grünen Hügeln die bizarrsten Felsformationen heraus. Ein Szenario, das wirklich von einem anderen Planeten stammen könnte.

Definitiv von diesem Planeten ist allerdings der kleine Gast, der mich mitten in der Nacht in meinem Auto besucht. Ja, in meinem Auto. Nicht darunter oder daneben, sondern richtig drin. Genauer gesagt im Fußraum des Beifahrers, wo durch eine Bremsaktion meine Brotpackung gelandet ist. Und ganz offensichtlich hab ich sie dort vergessen. Ich kann nicht behaupten, dass ich auf Besuch vorbereitet bin. Deswegen lässt er mich auch mit einigem Puls aus dem Schlaf hochschrecken. Mag ja sein, dass so eine Maus, denn um eine solche handelt es sich, im Freien possierlich anzusehen ist. Einen Meter Luftlinie von meinem Kopf entfernt hat sie nach meinem Dafürhalten allerdings nichts zu suchen. Von meiner iPhone-Taschenlampe und dem Hauen gegen den Beifahrersitz lässt sie sich nicht beeindrucken. Erst als ich mit dem Zündschlüssel den Motor fernstarte, sucht sie durch die Lüftungsschlitze im Fußraum das Weite. Immerhin weiß ich jetzt, wie sie reingekommen ist. Ich lasse den Motor so lange laufen, bis mir fast wieder die Augen zufallen, dann mache ich ihn aus und schlafe bis zum Sonnenaufgang durch. Keine Ahnung, ob der Besuch mich noch einmal beehrt, zumindest bekomme ich es nicht mit. Wenn ja, wird er bitterlich enttäuscht gewesen sein, denn das Brot habe ich ans hintere Ende des Kofferraums verfrachtet.

Am nächsten Morgen komme ich vor dieser wunderschönen Kulisse mit einem anderen Camper ins Gespräch. Ich erfahre, dass das mit den Mäusen gar nicht so eine kleine Sache ist. Tatsächlich sind sie sogar das Hauptproblem für Camper mit Motorhome. Also alle Arten von Campen, bei denen das Fahrzeug auch der Wohnraum ist. Denn nicht nur, dass sie sich gerne den Weg ins Fahrzeuginnere suchen, manchmal nisten sie sich sogar auch spontan im Motorraum oder in den Lüftungsrohren ein und sorgen dort irgendwann für gehörigen Schaden. Ja, die reisen dann richtig mit. Was man dagegen machen kann, weiß er aber auch nicht. Da er einen Trailer hat, betrifft ihn die Thematik dankenswerterweise nicht. Ich beschließe, beim nächsten Walmart für Abhilfe zu sorgen, ohne jedoch zu wissen, wie diese aussehen könnte. 

Eine weitere Frage, die mich seit dem Schlafengehen beschäftigt, kann er mir jedoch beantworten. Beim Stellen des Weckers fällt mir nämlich auf, dass die Uhr immer noch die Zeit von Süd-Idaho anzeigt. Also der Standard-Mountain-Time. Es war schon seltsam zu erfahren, dass Nord-Idaho eine andere Zeitzone hat als der Süden. Das hat wohl wirtschaftliche Gründe, weil der Raum um Coeur d’Alene herum sehr mit dem Wirtschaftsraum im benachbarten Washington um Spokane herum verknüpft ist. Während Boise sich eher Richtung Utah orientiert. Er spricht Idahos Hauptstadt wie „Beusiih“ und nicht wie „Boase“ aus. Ja, was denn jetzt? Coeur d’Alene wird genauso ausgesprochen wie ein Franzose sich das wünschen würde, Beusiih wiederum nicht. 

Jedenfalls kommt jetzt der kleine Teil von Oregon ins Spiel, in dem ich mich gerade befinde, und der den vielversprechenden Namen „Malheur County“ trägt. Der ist durch die besagten Berge nämlich eigentlich komplett abgeschnitten vom Rest Oregons und hat sich deshalb dem benachbarten Boise zugewandt. Inklusive eben der Zeitzone, die sich dadurch vom Rest Oregons um eine Stunde unterscheidet. Es gibt sogar Bestrebungen, sich von Oregon abzuspalten und bei Idaho einzugliedern. Das Projekt „Greater Idaho“ stößt bei den Idahoern auch auf einigen Zuspruch, bei den Politikern in Oregon bricht hingegen nicht gerade Euphorie bei dem Thema aus. Mein neuer Freund kommt jetzt regelrecht in Fahrt und ich aus dem Staunen nicht mehr heraus über diesen Quell an geopolitischem Wissen. Er erklärt mir, dass es einen ganz profanen, finanziellen Grund hat, warum das Parlament in Salem, Oregons Hauptstadt, gar keine Lust hat, das besagte Malheur County an Idaho abzugeben. Dort nämlich sind der Vertrieb und Erwerb von Marihuana gesetzlich verboten, in Oregon hingegen erlaubt. Somit floriert in Malheur County der Marihuanahandel und spült Millionenbeträge an Steuereinnahmen in die Staatskasse von Oregon.  

Später auf meiner Reise durch Oregon wünsche ich mir, ich hätte meinen Camper-Freund von Leslie Gulch neben mir sitzen. Denn die Landschaft ist streckenweise so langweilig, dass mir wieder etliche Fragen durch den Kopf schießen. Und von denen hätte er mir sicher einige, wenn nicht sogar alle, beantworten können. Ich war beim letzten Besuch in diesem Bundesstaat eher an der Küste unterwegs. Dort ist es auch genauso, wie man sich den „Grünen Staat“ vorstellt. Bergig, viele Wälder, tolle Wasserfälle und eine sagenhafte Kaffeekultur. Allerdings durchquere ich den Staat dieses Mal eher im Osten, und dort wechselt die Landschaft nur von etwas hügelig und landwirtschaftlich zu etwas hügelig und forstwirtschaftlich.

Und so ist eine der vielen Fragen in meinem Kopf die, warum eigentlich die Felder in den USA, die es flächentechnisch locker mit dem Saarland aufnehmen können, immer kreisrund bewirtschaftet werden. Ich sehe natürlich, dass das in erster Linie etwas mit den gewaltigen Bewässerungsvorrichtungen zu tun haben muss. Die speisen sich in der Mitte des Feldes von einem Wasseranschluss und ziehen zirkelmäßig ihre Bahnen. Aber der Hobby-Ingenieur in mir denkt sich: „Das muss doch auch besser gehen. Da wird ja jede Menge Platz verschwendet.“ Ich kann diese riesigen „Ecken“ um die gigantischen Kreise herum kaum anschauen, die da unbewirtschaftet bleiben.

Da fällt mir ein, dass mein Vermieter ja bei einer der größten Firmen für Landwirtschaftslogistik arbeitet und ich schicke ihm kurzerhand eine Audionachricht. Die Antwort kommt erstaunlich schnell und fällt herrlich banal aus: In Amerika muss man sich um eine Sache nun wirklich keine Gedanken machen: Platz. Wo bei uns wirklich jeder Quadratmeter ausgenutzt werden muss, ist es hier einfach völlig egal, wie viele Ecken verwildern. Da ist was dran. Das sieht man auch an den gewaltigen Grünstreifen, die auf den Expressways und Interstates die Fahrtrichtungen trennen. Und während ich mich frage, was in den USA flächenmäßig mehr Raum einnimmt: die vergeudeten Ecken auf Feldern oder die Grünstreifen auf Autobahnen, nehme ich im Vorbeifahren schon wieder die Schrift eines gewaltigen Schildes nur am Rande wahr: „Willkommen in Kalifornien.“

Irgendwo in Oregon

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