Hawaii und Hawai'i
Okay, also Kauai. Hier war ich zwar schon und bin wirklich nur wegen eines Buchungsfehlers zum zweiten Mal hier gelandet. Aber wie die nette Delta-Dame in LA richtigerweise festgestellt hat: Es gibt Schlimmeres. Also steige ich nach ausgiebigem Ausschlafen in meinem leuchtend-blauen Jeep und fahre einfach ein bisschen auf Kauai herum.
Aber Moment ... Hawaii, Kauai, Honolulu? Was geht da ab? Ist das nicht alles das Gleiche? Na gut, mal kurz Reiseführer-Modus an. White Lotus lässt einen schließlich bei der Geografie von Hawaii ziemlich hängen.
Fangen wir mit einem Missverständnis an, das das Thema Hawaii mit sich bringt. Nein, damit meine ich nicht die Fake-News, die Paul Kuhn anno dazumal über die Bierverfügbarkeit auf den Inseln im Pazifik singenderweise verbreitet hat. Warum auch immer er nicht nach Hawaii wollte, am Bier und der Möglichkeit, es zu bekommen, lags jedenfalls nicht.
Ich meine den Namen Hawaii und seine zwei Bedeutungen. Meistens meint man, wenn man „Hawaii“ sagt, den Bundesstaat, also alle seine Inseln als Sammelsurium. Honolulu, die (wie ich finde) grässliche Hauptstadt des Bundesstaates liegt auf der Insel Oahu. Dann gibt es ganz im Norden die älteste Insel, Kauai. Auf der ich gerade rumflitze. Das ist die, die man vor Augen hat, wenn man an diese faltigen, grünen Berge denkt, mit den Wasserfällen, die direkt ins Meer stürzen. Hier wurde auch Jurassic Park gedreht. Das Surferparadies Maui ist auch den meisten bekannt und dann gibt es ganz im Süden die Insel, die selbst auch Hawai'i heißt. Und weil das eigentlich alle immer durcheinanderbringen, nennen die Amerikaner diese Insel passenderweise einfach „Big Island“, denn sie ist mit Abstand die größte des hawaiianischen Archipels. Ich weiß nicht, wie groß sie gemessen am Saarland ist, aber ich hab mal gelesen, dass sie knapp dreimal so groß ist wie Malle.
Ja, es gibt noch ein paar andere Inseln, die auch bewohnt sind und auch bereist werden können, aber die als nicht absoluter Fan mit aufzuzählen, wäre in etwa so, als würde man die Leute wissen lassen, dass Menorca ja eh die schönste aller Balearen ist. Wobei, ich hab leicht reden, ich war noch nie auf Menorca. Vielleicht stimmt das ja sogar.
Ich wurde jetzt öfter gefragt, ob Hawaii wirklich so schön ist wie man es von den Bildern kennt und wie man es sich vorstellt. Ich bin da sehr zwiegespalten. Die Natur ist in der Tat einfach nur atemberaubend und spektakulär. Da gibt es keine zwei Meinungen. Wenn man nun aber nicht gerade zwei Wochen am Stück am hiken ist, dann sieht man von den Inseln eben auch die Städte und Ortschaften. Und die sind nun einmal auf typischste Art und Weise amerikanisch. Was bedeutet: Funktional, völlig ohne Flair und in weiten Teilen einfach nur hässlich. Im Gegensatz zu solchen Paradiesen wie Reunion oder Madeira stellt die Infrastruktur überall auf Hawaii einen krassen Gegensatz zur Natur dar. Auf den mediterranen Inseln oder Reunion sind die Ortschaften viel organischer in die Natur integriert, haben teilweise mittelalterliches Flair und sind an sich schon schöne Reiseziele.

Unbestritten ist aber, dass Kauai landschaftlich am spektakulärsten ist. Gerade wenn man gerne hiked, kann man hier tagelang in Szenerien eintauchen, die man sonst nur vom Apple-Bildschirmschoner kennt. Und für Fußfaule und/oder diejenigen, die nur wenig Zeit mitbringen (wie ich in diesem Fall), wurden die atemberaubendsten Aussichtspunkte für das Auto zugänglich gemacht.
Und so flitze ich den halben Tag in besagtem herrlich – man könnte auch sagen: aufdringlich – blauen Jeep kreuz und quer über die Insel, denn mein Flug nach Big Island geht erst am späten Nachmittag. Unglaublicherweise habe ich tatsächlich keine lustigen Stories von meinen ersten Stunden auf Hawaii zu berichten, dafür aber umso spektakulärere Bilder zu zeigen.
Kauai
Maui und Oahu hatte ich ebenfalls schon bei meinem letzten Besuch kennengelernt, daher sollte mein eigentlicher Hawaii-Beitrag für die 50-Bundesstaaten-Reise Big Island sein. Der Anflug ist schon mal spektakulär: Über zehn Minuten fliegen wir über ein gewaltiges Lavafeld, um dann auch genau darin zu landen. Immerhin ist da ein Flughafen reingebaut worden, aber ja, die Landebahn wurde einfach mitten in der Lava angelegt.
Alamo zeigt sich ein zweites Mal von seiner großzügigen Seite. Wieder bekomme ich einen Jeep Wrangler für meine Erkundigungen ausgehändigt. Kurz noch den Sonnenuntergang mitnehmen und ich gebe mein AirBnB auf der anderen Seite der Insel bei Maps ein und möchte mir kurz verwundert die Augen reiben. Google behauptet steif und fest, die Fahrt werde über zwei Stunden dauern. Und da wird mir klar, dass die Insel ihren Beinamen mit Fug und Recht trägt.
Ich erreiche mein Ziel im Stockdusteren, was auch daran liegt, dass ich auf dem Weg noch einen Zwischenstopp bei Safeway einlege, dem kleineren Mitbewerber von Walmart. An der Kasse sorge ich für einiges Erstaunen bei der Kassiererin, denn ihre sehr mechanisch vorgetragene Frage, ob ich eine Safeway-Clubkarte hätte, beantworte ich mit einem euphorischen „Ja klar!“ Die Geschichte meiner Safeway-Karte reicht bis zu meinem allerersten US-Roadtrip zurück und hat auf diesem auch bereits bei meinem jüngsten Bruder für großes Hallo gesorgt.
Der erste Abend auf Hawai'i
Am nächsten Tag regnet es in Strömen. Jedenfalls da, wo ich aufwache. Da, wo ich hinfahre, sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Da lacht die Sonne so schön aus heiterem Himmel auf mich hernieder, dass ich sie gerne meine Arme verbrennen lasse, denn natürlich nehme ich direkt beim ersten Sonnenstrahl das abnehmbare Dach des Jeeps herunter und natürlich creme ich mich nicht ein, obwohl die aus Deutschland mitgebrachte Sonnencreme aus dem Kofferraum vergeblich auf sich aufmerksam zu machen versucht.
Blühende Landschaften und glühende Arme
Auf dem Weg an die Nordküste verliebe ich mich fast augenblicklich in die Insel. Sie ist nicht nur groß, sie ist weit, sie hat verschlungene und spektakuläre Landsträßchen, leuchtend grüne Hügel, kleine (hässliche, aber irgendwie lustige) Ortschaften und über allem thront immer einer der gewaltigen Vulkane, von denen zwei sogar weit über 4000 Meter hoch sind. Da der dritte, etwas kleinere Vulkan es an Höhe nicht mit seinen beiden Brüdern aufnehmen kann, macht er das allerdings mit Aktivität mehr als wett.
Da ich nun einmal einen echten Offroader unterm Hintern habe, entscheide ich mich, eine der berüchtigteren Verbindungen quer über die Insel zu befahren. Die Mana Road schlängelt sich 80 Kilometer lang direkt am Fuß des Vulkans Mauna Kea entlang. Und meine Güte, wird das ein krasses Abenteuer. Kaum von der eigentlichen Straße heruntergefahren, zieht sich der Himmel über der Landschaft zu und ich fahre durch dichten Nebel, der eigentlich die extrem tiefhängenden Wolken darstellt. Dadurch bekommt die gesamte Umgebung eine mystische Aura; schattenhaft kommen immer erst wenige Meter vorher Bäume, Büsche, Gatter, aber auch Kühe in Sicht und verschwinden direkt wieder im Dunst. Und die Mana Road ist ein stetes Band aus Schotter und Matsch, das mich im Jeep durch diese Unwirklichkeit führt.
Die Mana Road bei Nebel
Auf der anderen Seite vom Vulkan angekommen, reißt der Himmel wieder auf und ich mache gar nicht lange Halt, sondern fahre in Richtung Südküste. Ich hatte im Internet von ein paar weniger bekannter Sträßchen erfahren, die direkt durch den Dschungel zu abgelegenen Stränden führen sollten. Ich mache es kurz: Es ist atemberaubend – schon wieder.
Die Südküste
Auf dem Rückweg zu meiner Bleibe biege ich dann doch mal falsch ab und befinde mich unversehens in einer der surrealsten Siedlungen, die ich je zu Gesicht bekommen habe. Wie schon erwähnt, wird die Insel von drei riesigen Vulkanen geprägt, wovon der eine hochaktiv ist. Und da kommen ein paar Leutchen auf die Idee und denken sich: „Hm, so ein karges, pechrabenschwarzes Lavafeld, das ist doch genau die richtige Umgebung für mein Eigenheim.“ Ich fahre Kilometer um Kilometer da durch, aber eins will nicht aufkommen: ein Gefühl der Heimeligkeit und des Wohlbehagens. Einen Tag später lerne ich auf dem Gipfel des Mauna Kea einen Hawaiianer kennen, der genau in dieser Siedlung wohnt. Auf meine Frage, was passiere, wenn der Lavastrom des Kīlauea mal wieder den Weg zur Siedlung einschlagen würde, zuckt er nur mit den Achseln. „Ist alles nur Holz. Ich hab unser Haus schon dreimal wieder aufgebaut.“
„Aber warum wollt ihr denn unbedingt in der Lavawüste leben?“
Ich weiß nicht, was ich als Antwort erwartet hatte, aber jedenfalls nicht diese profane: „Wenn man da wohnt, zahlt man keine Grundsteuer.“
Muss man für gemacht sein: Siedlung im Lavafeld
Der nächste Tag ist auch schon mein Abflugtag. Spätabends soll mein Flieger nach Seattle starten. Genug Zeit, die Insel noch weiter zu erkunden. Ich will unbedingt auf den Mauna Kea, denn nicht nur, dass es erst der zweite Punkt in meinem Leben wäre, an dem ich mich über 4000 Meter hoch auf festem Boden befände, ich habe auch noch das Nerd-Wissen erlangt, dass dieser Vulkan der eigentlichen Definition nach der höchste Berg der Erde ist. Nämlich von der Basis des Berges bis zum Gipfel. Die Tatsache, dass der Mount Everest als höchster Berg der Erde bezeichnet wird, liegt darin begründet, dass er den höchstgelegenen Gipfel hat. Aber der Mauna Kea misst von seiner Basis, die halt 6000 Meter tief im Meer liegt, bis zu seinem Gipfel über 10.000 Meter. Haben wir das auch mal geklärt. Nimm das, Mount Everest!
Jetzt tut sich aber auf dem Weg dorthin die Möglichkeit auf, die Mana Road noch einmal bei schönstem Wetter zu befahren, denn weit und breit ist keine Wolke in Sicht. Also konsultiere ich Google Maps und habe alsbald ein Blaulichtspektakel inklusive zugehörigen Sirenengeheuls hinter mir. Der sehr freundliche Officer klärt mich darüber auf, dass das Halten eines Handys während der Fahrt nicht nur unerwünscht, sondern auch eine Ordnungswidrigkeit sei. Ich erkläre ihm, dass ich weder getextet noch telefoniert habe, sondern nur einen Zielpunkt auf Google Maps angetippt und das Handy danach direkt wieder in seine Halterung verfrachtet hätte. Das stimmt sogar, davon kann er sich überzeugen. Er ist so nett, mir zu erklären, dass ich diese Eingabe gerne beim zuständigen Richter machen könne und dieser sich in der Regel bei einem ersten Vergehen wie diesem dazu beeiterklären würde, die Geldstrafe zu halbieren.
Er nimmt meinen Führerschein mit, dessen Hieroglyphen wie ein „ö“ und ein „ß“ ihn aber offensichtlich vor große Schwierigkeiten stellen. Jedenfalls bekomme ich einen auf „Jan Wittlich“ ausgestellten Strafzettel zurück, eine sonderbare Mixtur aus meinem Vornamen und meinem Geburtsort. Ich mache ihn darauf aufmerksam, woraufhin er nur mit den Achseln zuckt und meint: „Tja, dann wird man wohl im Fall, dass du nicht zahlst, vergeblich nach einem Jan Wittlich suchen. Genieß Hawaii und Hände weg vom Smartphone.“ Dabei macht er die auf Hawaii ebenso typische wie weit verbreitete Geste mit dem gespreizten Daumen und kleinen Finger.
Achtung Kontrolle!
Mein zweiter Tag auf der Mana Road hätte nicht andersartiger sein können als der erste. Teilweise erwarte ich fast, dass in einem der grünen Hügel gleich eine kleine, runde Tür geöffnet wird und einer der Stolzfußens oder Brandybocks herausspaziert kommt.
Die Mana Road bei schönstem Wetter
Danach geht es die 4000 Meter auf dem Mauna Kea hoch, doch leider haben sich rund um seinen Gipfel Wolken gebildet, sodass man von der Insel nicht viel sehen kann, sondern sich eher wie in einem Flugzeug fühlt, das oberhalb der Wolkendecke seine Strecke macht.
Auf dem Weg nach oben bittet mich der diensthabende Ranger, die größten Schlammbrocken von meinem Wrangler zu entfernen, Wegen Biodiversität und Naturreservat und dergleichen. Ich will schon vor Ort damit anfangen, da meint er, ich müsse das außerhalb des geschützten Bereiches verrichten, also am Fuß des Berges. Und dann führt er weiter aus: „Und ich muss dir ausdrücklich sagen: Es reicht nicht, nur um die Kurve zurückzufahren. Wir können dich dort zwar nicht mehr sehen und es ist eh unsinnig, weil der Schlamm ja aus der gleichen Region ist, aber das darf ich dir nicht sagen.“
Ich fahre um die Kurve zurück und erstaunlicherweise fällt doch direkt hinter ihr wie von Geisterhand der Schlamm quasi von selbst ab … Und als ich wieder am Ranger-Häuschen bin, macht der nette Ranger die besagte Geste und sagt: „Das ging ja echt schnell, viel Spaß da oben.“
Das Leben ist einsam an der Spitze: auf dem Mauna Kea
Jetzt ist es an der Zeit, den Weg zurück auf die andere Seite der Insel anzutreten, um den Flug nicht zu verpassen. Auf dem Weg dorthin fällt mir schon aus einiger Entfernung eine gewaltige Rauchsäule auf und es stellt sich heraus, dass besagter Kīlauea unmittelbar vor einem Ausbruch steht. Aus Zeitgründen kann ich nur an den letzten der mit dem Auto erreichbaren Aussichtspunkte heranfahren und aus der Ferne ein paar Fotos machen. Zum eigentlichen Krater zu wandern, was durchaus erlaubt und aus mir nicht verständlichen Gründen wohl auch sicher ist, ist mir dann allerdings nicht mehr möglich, die anderen 49 Bundesstaaten warten.
Brodelt schon ordentlich: der Kīlauea kurz vorm Ausbruch
Und so sitze ich ein paar Stunden später schon wieder im Flieger und muss mich von meiner neuen Liebe verabschieden. Big Island ist wirklich meine absolute Lieblingsinsel im Bundesstaat Hawaii. Ich hoffe, das Haus meines „Freundes“ steht noch,