Vorbereitung ist die beste Vorfreude
Vorfreude ist nicht gleich Begreifen! Das wird mir wieder mal bewusst, als ich im Flieger von Amsterdam nach Los Angeles beim Abheben aus dem Fenster schaue und sich der Moment einstellt, wo alles auf einmal auch im Kopf und im Herzen real wird.
Und was habe ich mich auf diese Reise nicht nur vorgefreut, sondern auch vorbereitet. Menschen um mich herum, die mich gut kennen, zweifelten schon an meiner geistigen Gesundheit, als sie erfuhren, dass ich meinen Koffer am „Probepacken“ sei. Und das schon zwei Wochen vor Abreise!
Allerdings ist so ein Vorhaben wie dieser Trip nicht mit meinen bisherigen Reisen zu vergleichen. Drei Monate lang den gesamten nordamerikanischen Kontinent mit dem Auto zu durchmessen, zu erfahren (im doppelten Wortsinn) und zu erleben – mit all seinen landschaftlichen, wettertechnischen und vor allem auch kulturellen Extremen –, das sprengt alle bisherigen Dimensionen. Dazu noch (bis auf zwei Ausnahmen) alles mit einem einzigen Auto, das nicht nur Fortbewegungsmittel, sondern auch Zuhause sein wird. Insofern musste sogar ich dieses Mal davon Abstand nehmen, meinen Koffer erst am Vorabend meines Abfluges zu packen. Vorfreude bedeutet nämlich bei dieser Reise gerade eben auch Vorbereitung. Wenn man zwölf Wochen lang in einem Auto nicht nur fahren, sondern auch einigermaßen komfortabel übernachten möchte, einem Auto wohlgemerkt, das kein Camper sondern „nur“ ein für amerikanische Verhältnisse gewöhnlicher SUV ist, dann können die Antworten auf solche Fragen wie „Bekomme ich irgendwie ein Fliegengitter am Auto fest, oder möchte ich bei 36 Grad im Südwesten in meinem eigenen Dunst ersticken?“ von existenzieller Bedeutung sein.
Die Packliste umfasste dann am Ende solch nicht unwesentlichen Utensilien wie eine Camping-Toilette nebst geruchsdichten Beuteln, zwei 20-Liter-Reservekanister, eine Bettdecke, ein Kissen, Fliegengitter, Ladekabel für eine Unmenge an verschiedenen Endgeräten, all diese Endgeräte und eine nicht geringe Anzahl an Dingen des täglichen Gebrauchs, die hier aufzuzählen zu banal, in den USA zu kaufen aber unnötig teuer wäre. Ein Trick, um Platz zu sparen, auf den ich zu diesem Zeitpunkt besonders stolz war, war, alle meine Socken in den einen Reservekanister und alle meine Unterhosen in den anderen zu stopfen. Dass Dinge, die sich sehr leicht durch den engen Hals eines Kanisters einbringen, mitnichten aber ebenso leicht wieder herausfummeln lassen, war eine Lektion, die ich erst sehr viel später in El Paso, Texas, lernen sollte.

Aber zurück zum Flieger nach LA. Wobei ich da vielleicht noch kurz einschieben sollte, wie sehr ich den Amsterdamer Flughafen „Schiphol“ mag. Der ist so herrlich unaufgeregt. Man muss nicht zig Züge oder Busse nehmen, um noch mehr Terminals zu wechseln und erneut sein ganzes Handgepäck checken lassen (ja, ich rede mit euch, Charles de Gaulle und Heathrow). Stattdessen schlendert man einfach ganz entspannt von einem Gate zum anderen, absoviert zwischendurch ruckzuck die automatisierte Passkontrolle, und wenn man nichts gegen globalisierte Kaffee-Kultur hat, nimmt man sich auf dem Weg noch einen Becher von Starbucks mit und erschrickt kurz an der riesigen Uhr, die eben dort in der Halle über den Reisenden hängt. Ist das ein echter Mensch, der gerade in schwindelerregender Höhe die Uhr von innen putzt? Haha, reingelegt, aber coole Animation.
Jetzt aber. Der Flieger hebt ab und ich realisiere, dass es wirklich losgeht. Es ist ja kein Geheimnis, dass ich das Reisen wirklich sehr liebe. Umso mehr freut es mich, dass es auch nach all den Jahren immer noch etwas sehr Besonderes für mich gelblieben ist. Dass dieses Hochgefühl sich einstellt, wenn der Flieger den Kontakt zum Boden verliert, und nun auch Kopf und mein Herz realisieren, dass das geschehen wird, auf was ich mich seit Monaten gefreut und vorbereitet habe: ein gewaltiges Abenteuer auf der anderen Seite des Atlantiks. Das darüber hinaus auch noch mitten im Pazifik seinen Anfang nehmen wird, denn 50 Bundesstaaten zu bereisen, heißt eben auch, Hawaii nicht außen vor zu lassen.
Und das wiederum macht erst einmal einen Zwischenstopp in Los Angeles notwendig. Die Besonderheit beim Transfer in den Vereinigten Staaten ist nämlich, dass das Aufgabegepäck nicht einfach bis zum finalen Zielort durchgecheckt werden kann, wie überall sonst auf der Welt. Ich gehe mal davon aus, dass die Verantwortlichen in den USA glauben, nur sie wüssten, wie man Gepäck wirklich sorgfältig durchcheckt. Da zählt es nicht, dass das am Abflugort schon erledigt wurde. „Du hast dein Gepäck in Hamburg aufgegeben und bist mit KLM geflogen? Beides gestandene Größen im internationalen Flugverkehr? Das ist schön für dich, aber wir möchten trotzdem auf Nummer sicher gehen. Better safe than sorry. Have a nice day“. Und so stehe ich am Gepäckband und warte auf meinen mehrfach gepackten Koffer und wundere mich nicht zum ersten Mal im Leben darüber, welche wohnungsähnliche Größe einige Koffer annehmen können und wie viele davon dann doch in solch einen Flieger passen.
Als meiner dann endlich aus dem Bauch des Flughafens ausgespuckt wird, mach ich mich auf den Weg zum anderen Terminal, denn Delta fliegt natürlich nicht dort ab, wo KLM landet, auch wenn beide der gleichen Flugvereinigung angehören. Ich biege in einen Tunnel ab, an dem riesengroß „Delta“ steht, komme um eine Ecke und werde von drei Frauen herangewunken, die an einem Delta-Schalter chillen, der so groß ist, wie meine Wohnung, ich schwöre.
„Sir, wohin des Weges?“
„Äh, zum Terminal Drei, glaube ich.“
„Aha, wo solls denn hingehen?“
„Lihue, Hawaii. Mit Delta.“
„Okay, aber das hier ist der Transfertunnel für First-Class- und Business-Class-Reisende“.
Ich blicke mich etwas irritiert in dem schäbigen Tunnel um. „Ach so? Äh, und woher weißt du, dass ich keins von beiden bin?“
Sie guckt mit hochgezogenen Brauen erst auf meine komplett zerschlissene Jacke, die dazu bestimmt ist, ihren letzten Dienst auf eben dieser Reise zu verrichten, und dann auf mein Shirt, auf dem richtigerweise „Do Nothing Club“ steht.
„Ich hatte so ein Gefühl.“
Ich drehe mich um und möchte gerade den Tunnel zurückmarschieren und den Weg finden, den der Pöbel wie ich nun mal nehmen muss, da ruft sie: „Junge, ich mach nur Spaß. Komm her, es ist zwar der Business-Transfer, aber es ist ja nicht so, als würden wir gerade in Arbeit untergehen“.
Und das sagt sie genauso. Daran muss man sich in den USA schnell gewöhnen. Was bei uns nach Ausschmückung in schriftlichen Texten klingt, ist dort gesprochenes Wort. Sehr blumig, bildreich und immer mit ein paar Anfangsfloskeln versehen. Da wird keine Frage beantwortet, ohne dass ein „Du fragst mich warum, ich sag dir warum!“ vorangestellt wird.
„Gehst du auf Kauai wandern?“
„Nee, ich wollte eigentlich nach Big Island, aber ich hab den falschen Flughafen rausgesucht. Jetzt fliege ich morgen von Lihue weiter.“
Die drei lachen sich halb tot.
„Na ja, es gibt Schlimmeres als seine Reise auf der ‚falschen‘ Insel von Hawaii zu beginnen“, vermutet die eine. „Wie lange bleibst du auf Hawaii insgesamt?“
„Nur bis Montag. Dann geht’s weiter nach Seattle. Ich mach einen Roadtrip durch alle Bundesstaaten.“
Die drei schauen mich entgeistert an. „Alle? Also im Sinne von alle? Auch sowas wie Iowa oder Missouri? Warum sollte man da hin wollen?“
„Ich glaub es wird ne coole Geschichte für jemanden aus Europa“, sag ich nur.
„Na ja, du wirst mehr von den USA sehen als ich. Ich war bisher nur drüben in New York und einmal in Wichita.“ Wie es zu dieser ebenso kleinen wie seltsamen Sammlung kam, erfahre ich nicht, denn sie schiebt direkt hinterher: „Aber ich will dich gar nicht länger aufhalten, hoch mit dem Koffer und dann ab mit dir zum Terminal Drei.“
Ich bin ja was Reisezeiten angeht wirklich kein Jammerlappen, aber mir wird bewusst, dass jetzt nicht nach zehneinhalb Stunden Flug der Tag langsam für mich zu Ende geht, wie meine biologische Uhr mir zu verstehen geben will. Stattdessen heißt es um 13 Uhr Ortszeit erst mal drei Stunden warten, bevor es dann noch einmal fünfeinhalb Stunden übers Wasser bis nach Hawaii braucht. Also Koffein-Nachschub. Zwei Flugbegleiterinnen stehen etwas vom Kassierer entfernt und schauen interessiert dem dort bestellenden jungen Mann zu. Ich zögere kurz und stelle mich dann hinter den Mann, als mich auch schon die eine Flugbegleiterin lautstark fragt: „Hast du uns nicht warten sehen?“
Ich drehe mich um und schaue sie über die fünf bis sechs Meter Zwischenraum hinüber fragend an. „Ach so, ich dachte, ihr entscheidet noch, was ihr wollt, weil ihr so weit weg steht und so ...“.
„Wir stehen nicht weit weg, wir stehen an.“
Ich stelle mich hinter die beiden und meine nur entschuldigend: „Es ist nur, weil da so viel Platz ist.“
„Kennt man da, wo du herkommst, keine Privatsphäre?“
„Äh, doch. An Geldautomaten oder an Bankschaltern oder bei Behörden auch. Aber bei Starbucks …“
„Na ja, hier ist das jedenfalls das Protokoll.“
„Alles klar. Noch einmal Entschuldigung!“
Sie schaut versöhnt auf mein Shirt und meint: „Aber ich mag dein Shirt.“
Dass eine Protokollführerin das Letzte ist, was dieser Club braucht, sag ich ihr nicht.
Tja, und ohne weitere Anekdoten und größere Vorkommnisse setze ich etliche Stunden später auf der hawaiianischen Insel Kauai auf. Als kleines Upgrade bekomme ich bei der Autovermietung Alamo statt meines gebuchten kleinen SUV einen waschechten Jeep Wrangler. Und als ich in meinem Hotelzimmer auf dem Bett sitze, draußen exotische Vögel ihr Lied singen höre und in Gedanken mit meinem Bier Paul Kuhn trotz seiner gigantischen Lüge zuproste, wird mir klar:
Ich bin auf Hawaii. Jetzt beginnt es.